Von Karl-Heinz Wocker

Mit verschwitztem Gesicht, die Arme voll leerer Milchflaschen, saust das Schulmädchen aus der Haustür. Mutti schaut hinterdrein, eher stolz als mißbilligend. Ihre Tochter bringt den Halbstarken an der nächsten Ecke Nachschub, damit die Panzerfahrzeuge der Briten weiterhin im Hagel der Wurfgeschosse bleiben – der gewohnte Zeitvertreib der Jugend dieses katholischen Belfaster Stadtviertels.

Hinter ihren grüngrauen Ungetümen, die so gar nicht in die schmucke moderne Siedlung passen, lugen die Soldaten hervor. Sie sind bestenfalls fünf oder acht Jahre älter als jene, die sie mit Steinen und Flaschen bewerfen. Die Anführer auf beiden Seiten, bei der IRA und bei der britischen Armee, sind womöglich in derselben Kaserne in Südengland ausgebildet worden.

Bei jedem Wiedersehen mit Ulster nimmt sich alles anders aus – und doch hat sich nichts geändert. In den Nachrichten ist viel vom bevorstehenden Bürgerkrieg die Rede. Aber den gibt es schon seit drei Jahren, oder vielleicht wird es ihn nie geben. Denn immer noch verblüfft die sommerliche Idylle, die schon ein paar Kilometer nördlich vor Belfast beginnt. Dort, in friedlichen Dörfern, ist noch nie ein Schuß gefallen oder eine Bombe explodiert.

In Ulster sind es bestimmte Stellen in einigen Städten, wo reguläre auf irreguläre Truppen schießen und umgekehrt. Das war schon früher so. Der Waffenstillstand bildete nur eine kurze Unterbrechung. Aber der nächste Waffenstillstand ist schon wieder im Gespräch, und in Dublin reden sie davon offener als in Belfast.

Solange die Briten mit der IRA alle Hände voll zu tun haben, schweigen die Protestanten. Kaum droht der Kampf abzuebben, bauen sie Barrikaden und häufen Proteste aufs Haupt des Nordirlandministers Whitelaw. Hinter allem, was in Ulster geschieht, wittert man ein vertracktes irisches Gesellschaftsspiel, dessen Regeln dem Fremden, auch dem Engländer, oder erst recht ihm, verborgen sind. Nur so viel ist klar: eine unstillbare Lust am Untergang sorgt dafür, daß das Spiel keinesfalls abgebrochen werden darf zugunsten von Frieden und Ruhe.

Die Soldaten in der umkämpften Lenadoon-Siedlung kauen ihre Rationen ungerührt von den hinter ihnen berstenden Milchflaschen. Nur wenn plötzlich nichts mehr geflogen kommt, halten sie besorgt inne, schauen um den Wagen herum und klappen die Visiere herunter. Die Halbstarken ziehen sich verdächtig auf der Seite zusammen, als wollten sie jemandem freie Bahn lassen. Und schon pfeift ein einzelner Schuß und sirrt als Querschläger von einer Panzerplatte ab. Der große Bruder eines der Steinwerfer hat sich gemeldet. Die Häuserwände bezeugen, daß nicht jede Kugel trifft. Aber die Zahl der Toten wird fast jeden Tag größer.