München

Selten zuvor haben die Münchner Stadtplaner so viel Lob und Zustimmung erhalten, wie für das autofreie Revier zwischen Stachus, Frauenkirche und Marienplatz. Selbst die schärfsten Kritiker kommunaler Bauplanung wurden zahm, attestierten den Politikern und Beamten im Rathaus einen „großen Erfolg“ oder gar, daß es gelungen sei, ein urbanes Stadtzentrum zu schaffen, das sich wohltuend abhebe von den nüchternen Fußgängerbereichen mancher anderer deutscher Städte.

Wiewohl die offizielle Eröffnungsfeier erst Ende Juni stattfand, hatten die Münchner von der Fußgängerzone bereits rund vier Monate vorher begeistert Besitz ergriffen. Sie konnten miterleben, wie in der einst lebensgefährlich autoverstopften Neuhauserstraße Bäume gepflanzt wurden, als die ersten der 357 Leuchten aufgestellt waren, stritten sie über deren neumodische Form („Schaschlikspieße“), inzwischen blühen in zahlreichen Container-Pflanzkästen Rosen und Sommerastern zwischen Karlstor und Rathaus, unverkennbar sind die alten Münchner, die mit großen Augen per Rolltreppe aus dem U-Bahnschacht am Marienplatz auftauchen und dann schier fassungslos dastehen. Denn auch dem geborenen Münchner eröffnen sich völlig neue Ausblicke – auf alte, neue, schöne, häßliche und umstrittene Fassaden, die früher kein „Verkehrsteilnehmer“ wahrnehmen konnte.

Die jüngsten Zutaten zur Fußgängerzone sind drei Dutzend städtische Stühle, weiß und beweglich, die auf der Sonnenseite des Marienplatzes von müden Spaziergängern und mittagsschläfchenhaltenden Behördenangestellten immer besetzt sind. (Man verzichtete auf Bänke, weil man befürchtete, diese würden von Gammlern und Saufbrüdern als Schlafstätte zweckentfremdet.) Und völlig neue Photographierperspektiven haben sich für die Touristen ergeben, die bisher nur von einem schmalen Gehsteig aus das Rathausglockenspiel knipsen konnten und vor lauter Auto- und Straßenlärm nichts zu hören bekamen.

Die Sorge der Stadtplaner ist jetzt nur, daß aus dem Gehrevier kein Rummelplatz wird. Mit Hilfe einer guten Rathauslobby hat das ambulante Gewerbe schon erreicht, daß sechs Neuheitenverkäufer in der Fußgängerzone Patenthosenträger und Allzweckhaushaltsgeräte feilbieten dürfen, unumstritten sind auch 12 Obstkarren, 6 Maronibrater, 2 Blumenstände, 28 Bäume und 10 Kioske als Telephonzellen und zum Verkauf von Zeitungen. Den Hochgenuß, mitten in der Stadt unbelästigt vom Verkehr agieren zu können, haben im übrigen hochgestellte Leute bereits demonstriert. Zur Eröffnung der Olympialotterie durch Ex-OB Vogel versammelten sich 800 Hundebesitzer zu einer „Dackelparade“ in der Fußgängerzone, Stadtbaurat Zech veranstaltete in ihr während des Faschings eine Versteigerung alter Münchner Straßenschilder, bei der über 4000 Mark für die Ausstattung von Kinderspielplätzen zusammenkamen, und Bundesjustizminister Jahn verteilte in der Fußgängerzone seine neue Mietfibel.

Nun ziehen keine Auspuffgase mehr unmittelbar zu den Frauentürmen hoch, der Duft vom Holzkohlengrill aus dem Bratwurstglöckl hat sich vermischt mit einem Hauch von Hyde-Park. Im Münchner Fußgängerbezirk wird diskutiert, bayerisch, hochdeutsch, in Sprachen der Gastarbeiter und der Jesus-Jünger. Vor Beate Uhses Sex-Shop wettert einer gegen den Paragraphen 218, ein paar hundert Meter weiter schart ein Profi-Kriegsdienstgegner ein Dutzend Zuhörer um sich, um die Ecke sammeln junge Leute Unterschriften für ein Volksbegehren. Ein Psychologe meint: „Was sich da in der Fußgängerzone fast täglich abspielt, ist ganz natürlich – der Urinstinkt des Marktplatzes wird angesprochen. Die Leute können reden, ohne von der Hektik des Autoverkehrs gestört zu werden. Das ist gut gegen die Vereinsamung in der Großstadt.“ Kilian Gassner