Von Dieter Buhl

Washington, im Juli

Die Welle der „neuen Politik“, die vom demokratischen Parteitag in Miami Beach aus das Land überschwemmen soll, hat Amerika noch nicht erfaßt. Vielmehr ist eine Ebbe der Gefühle zu registrieren – Ernüchterung nach dem Konvent des Aufbruchs in eine verheißungsvollere Zukunft.

Das gilt vor allem für die Partei McGoverns. Die Hochstimmung des Finales, bei dem sich fast all seine bisherigen Konkurrenten in einer bewegenden Geste der Solidarität um den neuen Bannerträger der Demokraten scharten, ist verflogen. Der politische Alltag ist wieder eingekehrt, und er gewährt jetzt denjenigen, die bei den Wahlen im November den republikanischen Präsidenten aus dem Weißen Haus vertreiben wollen, nur wenig Anlaß zu Optimismus.

Es fällt schwer, in diesen Tagen viele Amerikaner zu finden, die daran glauben, daß ihr nächster Präsident George McGovern heißen wird. Zu zahlreich und unüberwindbar scheinen die Hindernisse, die der Senator auf dem Weg ins Weiße Haus überwinden muß: Seine Partei ist gespalten; viele prominente Demokraten haben scheinbar nicht auszuräumende Bedenken gegenüber ihrem Kandidaten; McGoverns Programm, so diffus es inzwischen in wichtigen Punkten wieder ist, erschreckt die Mehrzahl der Amerikaner und schließlich muß der Herausforderer gegen einen Mann antreten, der über die Macht und die Überzeugungskraft des höchsten Amtes verfügt.

Den Beratern McGoverns mangelt es nicht an Zuversicht. Sie geben sich optimistisch, verweisen auf die Erfolge bei den Vorwahlen, die ihren Matador wider aller Erwartungen aus der Obskurität einer durchschnittlichen Senatorenlaufbahn an die Spitze der Demokraten und einer neuen Bewegung katapultierten.

Sie übersehen dabei allerdings, daß es leichter ist, mit Hilfe einer relativ geringen Wählerzahl bei den primaries eine Partei zu erobern, als von der Mehrheit des Volkes ein Mandat für das Präsidentenamt zu erhalten. Als warnendes Beispiel könnte dafür Barry Goldwater dienen, dem es 1964 mit Energie und Fleiß gelang, die Spitzenposition der Republikaner zu erringen, und der dann bei der entscheidenden Wahl vom amtierenden Präsidenten Lyndon Johnson haushoch geschlagen wurde.