Von Ludwig Kronpass, 20 Jahre

Obwohl Diskussionen häufig ergebnislos enden, sind sie ein wichtiger Bestandteil demokratischer Auseinandersetzung. Was mir in letzter Zeit zu denken gab, waren ganz allgemein die Quellen für Argumentationen, deren sich die Diskussionsteilnehmer – ich nehme mich da nicht aus – gemeinhin bedienen. Bei einer ernsthaft geführten Diskussion sollte man doch voraussetzen können, daß jeder Beitrag Ausdruck der persönlichen Meinung, der eigenen Anschauung, des selbst aufgerichteten Gedankengebäudes ist. Aber häufig stellte ich fest, daß viele der vorgebrachten Beiträge diesem Anspruch nicht gerecht werden. Sie sind vielmehr Wiederholungen von Aussagen, die von Autoritäten – Schriftstellern, Politikern oder auch Lehrern – bereits formuliert wurden. Besonders jugendliche Diskussionsteilnehmer sind da recht unbekümmert, da bei ihnen das Verhältnis zu den oft bestechenden Schlüssen jener Autoritäten relativ unkritisch ist. Ich denke zum Beispiel an die Schriften Herbert Marcuses oder an Adornos „Minima Moralia“, ein Buch, das man geradezu als ein Lexikon für ratlose Diskussionsteilnehmer bezeichnen könnte.

Erst kürzlich bemerkte ich nach einer Diskussion, als ich die von mir vorgebrachten Argumente nochmals durchdachte, wie wenig davon eigentlich Produkte meiner eigenen Überlegungen waren: Einer behauptet etwas, und schon habe ich die Gegenthese parat, die ich vielleicht in einem Buch gelesen hatte, deren Verfasser für mich eine Autorität ist. Man zweifelt in der Hitze des Gefechts natürlich nicht daran, die These sei eigener Überzeugung entsprungen. Da hat man also für jeden Themenkreis ein festes Arsenal von Sätzen und Anschauungen, die übernommen werden: von der Schule, den Lehrern, der von ihnen bestimmten Lektüre, den Büchern, die man privat und meist ganz zufällig unter die Finger bekam. Es drängt sich der Vergleich mit einem Automaten auf, der auf bestimmte Fragen seine einprogrammierten Antworten ausspuckt. Das eigene Denken beschränkt sich nur mehr darauf, den betreffenden Komplex aus der Schublade zu ziehen und ihn, in passende Worte gekleidet, vorzutragen. Wo bleibt aber dabei der schöpferische Anteil des Denkens, der doch gerade in den höheren Schulen gepflegt werden soll?

Das läßt sich auch auf anderen Gebieten beobachten. Etwa in der Musik. Was singt oder pfeift man denn so vor sich hin, wenn man sich über irgend etwas freut? Der eine seinen Lieblingsschlager, der andere Bob Dylan, der dritte vielleicht das Scherzo aus Schuberts G-Dur-Streichquartett.

Sollte es nicht möglich sein, sich davon zu lösen und eine eigene Melodie zu entwickeln, sich selber schöpferisch im ursprünglichsten Sinn des Wortes zu betätigen? Natürlich sind dabei Literatur, Information und auch Schule nötig, aber nur als Gerüst für die eigene Meinungsbildung.