Das Museum Folkwang feiert sein 50jähriges Bestehen mit einer sozusagen hausgemachten documenta. Was Kassel auf der internationalen Ebene präsentiert, bietet Essen auf der "Szene Rhein-Ruhr ’72". Die Voraussetzungen für diese regionale Über-Schau sind nicht schlecht. Das Industriegebiet an Rhein und Ruhr hat sich in den 50er und 60er Jahren als ein künstlerisches Ballungszentrum profiliert. Das ist unbestritten, durch Tatsachen zu belegen, man braucht keine irrationalen Faktoren, keinen genius loci, keine spezifischen Qualitäten des rheinischen Klimas (das nach Dieter Honisch, dem Initiator der "Szene Rhein-Ruhr", "aus dem Zusammenprall von Weltoffenheit, Witz, grüblerischem Ernst und Bedächtigkeit" resultiert) zu bemühen. Sondern es liegt einfach daran, daß sich in diesem Gebiet nach dem Kriege Künstler der verschiedensten Himmels- und Stilrichtungen niedergelassen haben, die sich dank progressiver Museen und Galerien kreativ entfalten konnten.

"Szene Rhein-Ruhr ’72" ist eine Jubiläumsausstellung neuen Stils, keine museale Retrospektive, keine Rechenschaft über das, was das Museum Folkwang in den letzten 50 Jahren geleistet hat, sondern (schreibt Museumsdirektor Paul Vogt) "Engagement in der unmittelbaren Gegenwart, der sich das Folkwang seit seiner Gründung verpflichtet fühlt". Man will über den aktuellen Stand der künstlerischen Produktion und der künstlerischen Problematik informieren, und man will gleichzeitig ein Publikum erreichen, das bisher zum Museum und zur Kunst keinen Zugang hatte. Neue Präsentationsformen sollen entwickelt, neue Schauplätze für die Begegnung zwischen Kunst und Publikum sollen aufgetan werden.

Demgemäß spielt die "Szene Rhein-Rühr ’72" nicht im Museum Folkwang, sondern in der Gruga, dem Essener Volks- und Erholungspark, und in einigen der riesigen Gruga-Hallen. Eine fortschrittliche, eine besucherfreundliche Entscheidung, der Eintritt zur Kunst ist frei. Wer am Parkeingang seinen Obulus bezahlt, kann die Kunst kostenlos besichtigen.

Zehntausende von Besuchern werden täglich registriert. Wie viele von der Kunstofferte Gebrauch machen, ist statistisch nicht zu erfassen. Aber die Zahl – liegt weit über dem Durchschnitt musealer Veranstaltungen. Eine neue Bevölkerungsschicht ist eingeladen und angesprochen, Hausfrauen, Rentner, Mütter mit Kindern, Berufstätige, die ihren Feierabend im Park verbringen, junge Leute kommen und sehen, was die Künstler ihnen zu bieten haben.

Was haben sie ihnen zu bieten? Ein bißchen Jux, Jahrmarktsgaudi, Babbelobjekte, mit denen die Kinder spielen können. "Das Ungeheuer von Loch Kettwig", das lustigste Atemobjekt, das sich Günter Weseler je hat einfallen lassen, wird bewundert und bestaunt. Auch die "Wasserorgel" auf der Orgelwiese, ein Projekt von Juan Allende-Blin und Hermann Markard, mit dem sie eine Verbindung von Musik, Kinetik und Landschaft herstellen, trägt zur allgemeinen Fröhlichkeit bei. Man soll diese angenehm gelockerte, ungezwungene, unprätentiöse Atmosphäre gewiß nicht unterschätzen. Sie ist gut dafür, die Schwellenangst und Ehrfurchtshaltung vor dem Museum und vor der Kunst abzubauen. Aber mit Munterkeit und lustigen Einfällen und freiem Eintritt ist der Zugang zur Kunst und gerade zur aktuellen Kunst nicht zu erreichen. Und es ist wenig damit getan, wenn man eine Ausstellung aus dem Museum in einen Erholungspark oder irgendein allgemeines Kommunikationszentrum verlegt, um künstlerische Arbeit einer breiten Öffentlichkeit zuzuführen, wenn die Öffentlichkeit nicht entsprechend disponiert ist.

Gerade die Gruga-Ausstellung zeigt, daß solche auf Massenbesuch gerichteten Kunstdarbietungen mehr und mehr zu einem Problem der Vermittlung, der didaktischen Aufbereitung werden. Und wenn man schon der documenta vorwarf, sie habe ihre didaktischen Intentionen nur ungenügend realisiert, so gilt das in noch stärkerem Maße für die Gruga-Schau. Der Parkbesucher in Essen wird zu einer Konfrontation gezwungen, die er nicht gesucht hat, und wenn diese Begegnung irgendeinen Sinn haben soll, müssen ihm Hilfsmittel, Informationen, Erläuterungen angeboten werden. Das meiste, was ihm an Bildern, Objekten, Räumen und Aktionen auf der "Szene Rhein-Ruhr" vorgeführt wird, bleibt ihm rätselhaft, verschlossen, ist von sich aus nicht imstande, die Verständnislücke zu schließen. Was soll er mit der "Jubelwand" von Ansgar Nierhoff anfangen, wenn ihm niemand sagt, daß die Marterinstrumente hinter der Wand dazu gehören, die ihm vermutlich klarmachen sollen, daß historische Triumphe durch Schindereien erkauft werden. Daß es Kuno Gonschior in seinem "Tropfraum" um den "Verlust der Identitätsgewißheit" geht, kann er nur dem Katalog entnehmen. Klaus Rinkes kompliziertes System von Wassertonnen und Eimern, Schläuchen und Uhren soll ihm "Zeitfluß-Relativität" vermitteln.

Man kann die Reihe beliebig fortsetzen, nicht um die Kunstwerke herabzusetzen oder das Publikum zu entmutigen, sondern um auf die didaktische Aufgabe hinzuweisen, die auf die Veranstalter solcher Kunstszenen zukommt. Es genügt nicht, einen volkstümlichen Rahmen für eine Kunst herzustellen, die an Volkstümlichkeit und Verständlichkeit nicht interessiert ist.

Gottfried Sello