Seit dem sogenannten „Globuskrawall“ im Juni 1968, als Jugendliche und Polizisten sich in Zürich drei Nächte lang Straßenkämpfe lieferten, hat dort die Spannung zwischen Jugend und Stadtbehörden nicht nachgelassen. Als neuesten, durch Einwirkung der Obrigkeit beeinflußten Affront werten viele die Schließung des traditionsreichen Café Odeon.

Zürichs „Grand Café Odeon“ am Bellevue, im Juli 1911 eröffnet, jahrzehntelang Begegnungsstätte namhafter und namenloser Künstler, Dichter und Denker, Zufluchtsort von Emigranten, Verfolgten, Andersdenkenden, hat nach 61 jährigem Bestehen seine Türen geschlossen, wegen „Renovation“. Begründung für die Schließung: das Publikum. „Im Odeon wird gehascht und gedealt“, hieß es im April, und das könne ja nicht so weitergehen. „Das Odeon muß geschlossen werden, damit die von den Jugendlichen beschädigten Möbel repariert werden können“, verlautete es im Mai. „Später wird dann an Stelle des Odeon ein kleineres Café eröffnet.“ Kurz: Das Grand Café Odeon, Zürichs klassisches Wiener Kaffeehaus im Jugendstil, mit seinen Lederpolstern, Marmorwänden und prunkvollen kristallenen Lüstern ist und bleibt geschlossen.

Berühmt wurde das Odeon durch seine Besucher: Karl Kraus schrieb hier an seinen „Letzten Tagen der Menschheit“, Bert Brecht wurde Stammgast, auch Einstein. Lenin saß dort und Trotzki, Else Lasker-Schüler, Somerset Maugham. Pazifisten aller Länder diskutierten im Odeon, und der Künstlerbund der Dadaisten wurde hier gegründet. Ausländer und Einheimische hatten miteinander regen Kontakt.

„Auch in Zürich wird doch viel von Kommunikation gesprochen, und ein zentral gelegenes Café wie das Odeon bietet sich doch nach wie vor als idealer Treffpunkt an – gibt es wirklich keine Möglichkeit, das Odeon im Interesse der Allgemeinheit zu erhalten?“ – „Wir privaten Geschäftsleute sind ja nicht dazu da, gesellschaftliche Probleme zu lösen“, antwortet Odeon-Besitzer Dr. Kaestlin.

Nicht nur die Jugendlichen, die in den letzten Jahren das ältere Publikum allmählich verdrängt haben, sind enttäuscht über den Verlust ihres wichtigsten Kontaktforums. Auch viele alteingesessene Odeon-Besucher bedauern die eilige Schließung, der allem Anschein nach wirtschaftliche Erwägungen des Besitzers zugrunde liegen. „Selbst wenn man nicht regelmäßig hinging“, sagt Rudolf Jakob Humm, Schriftsteller und Odeon-Kenner, der in einigen seiner Bücher das Zürcher Lokalkolorit auf heitere Weise festgehalten hat, „man wußte doch, das Odeon war da, mitten in der Stadt, man konnte hingehen, Leute treffen, Kaffee trinken, miteinander reden.“

Das ist nun vorbei. Allerdings gibt es noch einige Rettungsversuche. Kurz vor der Schließung wurde von Jugendlichen ein „Komitee Pro Odeon“ gebildet, das es allerdings bisher bei einer kleinen Demonstration und dem Verteilen von Flugblättern bewenden ließ.

Ernsthafter betreibt ein junger Architekt, Louis Péte, den Versuch, das Odeon in der bisherigen Form erhalten zu lassen. Gemeinsam mit einer kleinen Freundesgruppe hat er mehr als siebentausend Unterschriften für eine Petition an den Zürcher Stadtrat gesammelt. Darin heißt es: „Das Grand Café Odeon besitzt einen außerordentlichen innenarchitektonischen und kulturhistorischen Wert. Die Unterzeichneten ersuchen den Stadtrat, mit sämtlichen ihm zur Verfügung stehendenMitteln darauf hinzuwirken, daß das Grand Café Odeon für Zürich erhalten und wieder in seinem traditionellen Betrieb weitergeführt werden kann.“