Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im Juli

Halb so groß und doppelt so tot wie der Friedhof von Chicago: Was einst ein geflügeltes, und sicher zu zynisches Wort über das politische Bonn der Anfangsjahre war, wird derzeit wieder zitiert. Nie zuvor ist das Bundesviertel so still und verlassen gewesen wie in diesen Sommerwochen. Vergebens spähen die Touristen, die unablässig rheinaufwärts ziehen und der Bundeshauptstadt eine Stippvisite abstatten, nach handelnden Personen. Willy Brandt fischt in Norwegen, Rainer Barzel läßt sich an der portugiesischen Algarve braun brennen, Walter Scheel mäht im österreichischen Hinterthal Bergwiesen, nur Franz Josef Strauß wird erst Anfang August nach Südfrankreich aufbrechen. Jedermann macht Urlaub, auf eine geradezu finster entschlossene Weise, weil jedermann weiß: Vom Wahlkampfbeginn im September bis zur Regierungsbildung zu Weihnachten oder noch später wird es kaum noch eine ruhige Minute geben.

Weil sich nichts tut, gibt es auch nichts zu tun. Im Kanzleramt hält, wie immer, Horst Ehmke die Sommerstellung. Er pflegt schon im Mai in die Ferien zu gehen, um dann in Bonn der einzige Mann an Deck zu sein. Mit dem Kanzler telephoniert er täglich, aber viel kann über den Draht zwischen dem Palais Schaumburg und dem Holzhaus in Hamar in Ost-Norwegen nicht gehen, denn Von Ehmkes Schreibtisch wird berichtet, er sei aufgeräumt, ja leer. Findet sich auf dem Terminkalender des Chefs der Regierungszentrale sonst nur mühsam Zeit für Interviews, so sind sie jetzt beinahe im Dutzend zu haben.

Natürlich regiert die Regierung weiter. Aber in der allgemeinen Flaute und der Stille vor dem Wahlsturm wird selbst Routine zum Ereignis. Unverdrossen berichtet das Bundespresseamt über die Terminplanung der Ressorts. Doch auf dem Waschzettel steht dann für die laufende Woche zum Beispiel zu lesen, daß Minister Lauritzen sich über die Hafen- und Wohnverhältnisse auf Helgoland informieren wolle oder daß der Parlamentarische Staatssekretär Logemann aus dem Ernährungsministerium zur Einweihung des neuen Milchwerks in Neuburg/Donau eine Rede halten werde.