Aus dem sonnigen Tessin, wohin sich Ex-Minister Karl Schiller mit Frau Etta geflüchtet hat, drangen in den letzten Tagen die widersprüchlichsten Schiller-Meldungen. Die Verwirrung hatte mit der Veröffentlichung von Schillers Rücktrittsbrief begonnen. Während die einen als Briefquelle Schiller selbst vermuten, andere seine gelegentlich zu Indiskretionen neigende Frau Etta als Urheberin wähnen, gilt es durchaus nicht als ausgeschlossen, daß die undichte Stelle doch im Kanzleramt zu suchen ist.

Da die SPD fürchten mußte, die Opposition werde bis zu den Wahlen unaufhörlich die Veröffentlichung des Rücktrittsdokuments fordern, habe man zumindest diese Wahlkampfmunition rechtzeitig entschärfen wollen. Im Parteivorstand der SPD, wo man fest mit Schillers Austritt rechnet, wird die Strategie verfolgt, diesen Austritt zu beschleunigen, um den Vorgang nicht allzu nah an den Wahltermin herankommen zu lassen. Für diese Strategie spricht auch Brandts Konfrontationston, mit dem er auf die Briefveröffentlichung reagierte. Er sprach davon, daß man die Aktionen seines Ex-Ministers nur noch psychologisch erklären könne.

Offensichtlich ist Etta Schillers Ausspruch „Dann gehen wir eben zu Barzels“ doch nicht ganz dem Bereich der Kolportage zuzuordnen. Der Bruch zwischen Schiller und seiner Partei läßt sich jedenfalls kaum noch kitten. Obgleich die Genossen um Willy Brandt sich inzwischen an Abtrünnige gewohnt haben, könnte Schillers SPD-Austritt und ein Übertritt zur CDU als der teuerste Parteiwechsel in die SPD-Geschichte eingehen. Denn die Wahlen wären dann so gut wie verloren.

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CDU-Schatzmeister Walther Leisler Kiep kann sich über die Schiller-Affäre jedenfalls freuen. Das Spektakel um den Ex-Minister dürfte seine Parteikasse entlasten, aus der schätzungsweise 40 Millionen Mark in den Wahlkampf fließen werden. Die halbe Million Mark, die Kiep für Zeitungsanzeigen über Schillers Rücktritt ausgab, hält er jedenfalls für gut angelegt.

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Wissenschaftsminister Klaus von Dohnanyi gebar eine Idee, die sich als besonderer Wahlschlauer erweisen könnte. Er beabsichtigt, noch vor den Wahlen einen Kongreß zum Thema Altersforschung zu veranstalten. Star des Kongresses soll die französische Schriftstellerin Simone de Beauvoir sein, die vor einiger Zeit einen dicken Bestseller zum Thema Alter schrieb.