Weißenhaus

In der Hohwachter Bucht zwischen Fehmarn Sund und Kieler Förde peitschen Regen und Wind die Ostsee. Hinter dem Deich, zwischen Ginsterbüschen und Sanddornhecken steht der Siemens-Lehrling Siegfried Hack in seinem gelben Ölzeug und blickt durch sein Fernglas in die rauhe See. Und während er das übergangslose Grau zwischen Himmel und Meer mit seinem Okular von links nach rechts abstreift, sieht er plötzlich vor sich einen dunklen Fleck wie Treibholz auf den Schaumkronen schaukeln. Er schätzt die Entfernung auf gut drei Seemeilen, dreht das Fernglas, um – wie er später sagt – „das Dingens“ schärfer ins Bild zu bekommen und rennt auf einmal in das zwanzig Meter entfernte weiße Häuschen zum Funkgerät: „Seenotalarm. Segelboot 3,5 Seemeilen entfernt gekentert. Windstärke sechs.“

Schüler und Lehrlinge und Jungarbeiter in orangen Schwimmwesten laufen zum Kutter „Vormann Krüger“, schieben ihn ins Wasser und sind nach zwanzig Minuten am gekenterten Boot. Kurze Zeit später ist der erschöpfte Segler an Land, sein Boot liegt im Sand am Ufer.

Ein Einsatz von vielen für die jungen Kursteilnehmer der Kurzschule Weißenhaus in Schleswig-Holstein. Seit zwanzig Jahren füllt sich das Rettungsbuch mit Ereignissen selbstloser Hilfe: Brennt in Döhnsdorf eine Scheune, liegt ein Unfallverletzter auf der Bundesstraße 202, bricht sich eine Krankenschwester an der Brandungshohlkehle der Steilküste zur See das Bein, steht ein Campingsplatz nach einem Wolkenbruch knietief unter Wasser – die Jungen löschen, bergen und retten. Und dabei lernen sie, was in Vergessenheit gerät: tätige Nächstenhilfe.

Die Idee der Kurzschule, die ein besonderes Bildungsziel in Kursen von jeweils 26 Tagen erstrebt, stammt aus Großbritannien. 1941 eröffnete der Gründer des Landerziehungsheimes Salem, Kurt Hahn, in Wales die erste Outward Bound School. Heute gibt es zwischen Nigeria und den Niederlanden, Malaysia und Kanada rund 27 derartige Einrichtungen.

Ziel der Schule in Weißenhaus ist es, Jungen zwischen sechzehn und zwanzig Jahren aus allen Sozialschichten für die „Leidenschaft des Rettens“ (Hahn) zu gewinnen. „Junge Menschen sind heute stärker für soziale Hilfe ansprechbar als noch vor wenigen Jahren“, sagt Friedrich E. Helmrich von der Deutschen Gesellschaft für Europäische Erziehung, der Trägerin der Kurzschule: „Mancherorts werden gesellschaftspolitische Gedanken aber immer noch zu sehr gepredigt statt praktiziert. Die Kurzschule Weißenhaus hingegen geht auf diesem Gebiet seit zwanzig Jahren beispielhaft voran.“

Selbstverständlich wird in Weißenhaus keine Erziehung zur Anpassung, zu einer unreflektierten Gemeinschaftshaltung betrieben: Jedes aktive Engagement zur Hilfsbereitschaft, jedes gemeinsame Handeln – ob im Segelboot oder beim Feuerwehrtraining – wird in politischen Arbeitsgemeinschaften kritisch durchdiskutiert. Verantwortung wächst somit aus Selbstkritik. Arbeitsgruppen setzen sich mit den Ursachen und Gefahren der Umweltverschmutzung auseinander, in Diskussionsrunden tauschen Lehrlinge und Schüler ihre Erfahrungen mit einer sachlichen Mitbestimmung aus. Die pädagogischen Leiter greifen nicht ein, sie beraten nur und geben immer dort einen Tip, wo neben den guten Willen noch die Erfahrung treten muß.