Von Micaela Ramb, 19 Jahre

Als mir vor einigen Monaten diese Rubrik auffiel, erhoffte ich mir davon, daß endlich eine breitere Öffentlichkeit mit den spezifischen Problemen meiner Generation auf unverfälschte und direkte Weise angesprochen würde. Ich glaubte, man würde auch über ganz persönliche Eindrücke und Erlebnisse berichten und es würden sich unter anderem schriftstellerisch oder journalistisch Ambitionierte aufgerufen fühlen. Die abgedruckten Artikel aber bezogen sich zumeist auf längst bekannte und erschöpfte Bereiche wie das Schulwesen, die Wehrdienstverweigerung, die Einstellung zur DDR und so weiter.

Ob es den Einsendern an Mut zur ehrlichen und freien Mitteilsamkeit fehlte, ob viele es erst gar nicht wagten, sich zu äußern, oder ob sich im Rahmen dieser Rubrik wieder einmal jene vielzitierte jugendliche Symptomatik, nämlich das um sich greifende geistige Phlegma und Desinteresse, die intellektuelle Vermassung und der Hang zu hohlen Phrasen, die sich mit dem Deckmantel ideologischer, latinisierter Fachbegriffe schmücken, bewiesen hat – diese Fragestellung scheint mir beträchtliche Relevanz zu beinhalten. Denn die Tatsache, daß es ein ausreichendes und fülliges Maß an Themen gibt, mit denen sich die Jugend unablässig auseinanderzusetzen hat, ist unbestreitbar. Man denke nur an das Gefühl des Isoliertseins, von dem viele junge Leute auch im Kreis der Altersgenossen getragen werden; an die eskalierende Labilität und widerstandslose Hingabe an Betäubungs- und Suchtmittel und in diesem Zusammenhang ebenfalls an Suicid-Versuche. Über diese seelischen Fehlhaltungen, Entgleisungen und Erkrankungen, die meiner Ansicht nach viel gravierender und häufiger anzutreffen sind, als man es vielleicht vermuten würde, ist in den bisherigen Einsendungen nicht geschrieben worden, obwohl gerade derartige Stellungnahmen insbesondere die Kommunikation untereinander sehr gefördert hätten.

Die Verfasser hatten sich vielmehr in oberflächliche, allgemeingültige und öffentlichkeitsorientierte Erörterungen geflüchtet und – vermutlich unbewußt – das 08/15-Schema einer in sich gefestigten, bilderbuchartigen, heilen Welt ohne störende Faktoren oder Attacken aufrechterhalten und die Scheincharakteristik einer Jugend und ihrer Belange und Anliegen geliefert, wie sie zwar wünschenswert wäre, aber in der Wirklichkeit nicht existiert.