Wenn Sie Schallplatten kaufen, dann – Besser nicht:

„Europa-Hymne“ (Fassung für großes Orchester von Herbert von Karajan), Nationalhymnen der 17 Mitglieder des Europarats, Finale der 9. Symphonie von Beethoven; Berliner Philharmoniker, Leitung: Karajan; Deutsche Grammophon Gesellschaft 2530 250, 25 DM.

Zunächst stellt sich die Alternative: Entweder hat Karajan die Hymnen gar nicht selber arrangiert und dirigiert, sondern das einem Assistenten, dazu einem Assistenzorchester, überlassen. Dann stünde zwar sein Name auf der Platte, der Käufer wäre betrogen. Aber das geschähe dem Karajan-Publikum nur recht, und es spräche für Karajans Einsicht in das Verhältnis von Schein und Sein in unserer Gesellschaft. Es spräche auch für seinen guten Instinkt für das, was einem Musiker seines Ranges frommt.

Oder der schlimmere Fall: Karajan hat die Berliner Philharmoniker – die das dann immerhin hätten mit sich geschehen lassen – und sich selbst tatsächlich dafür hergegeben. Die musikalischen Fakten der Platte sprechen leider für diese Version. Und da hakt das Verständnis desjenigen aus, der in Karajan nicht nur den Musikmanager, sondern den wesentlichen Interpreten von Bruckner und Wagner, Sibelius und Richard Strauss, Haydn und Brahms sieht. Und da sich weder Firma noch Interpret in einem Programmnotstand befinden, ist solche philharmonische Verirrung schlechthin unentschuldbar.

Es ist nun nicht nur so, daß die schlichte musikalische Faktur der Nationalhymnen den philharmonischen Luxus überflüssig macht, Karajan pervertiert auch die Musik. Die Marseillaise hat nichts mehr von ihrem hitzigen Elan, wie ihn etwa die Kapelle der Garde Républicaine ausspielt. Das österreichische „Brüder, reicht die Hand zum Bunde“ läßt Karajan schön subtil anheben, aber dann geht er unversehens ins Volle: mit Beckenkrach treibt er der Musik die mozartische Würde aus. „God save the Queen“ dagegen, in England traditionell mit einem dafür durchaus angemessenen Pomp zelebriert, wird von Karajan zur Unerheblichkeit nivelliert.

In der aus dem Freudengesang der Beethovenschen Neunten gewonnenen „Europa-Hymne“, Karajans Auftragsarrangement, ändert der Dirigent zwar am Urtext relativ wenig; aber es klingt wie die Arbeit eines Jungsemesters vom Konservatorium – ein bißchen peinlich für einen der gewieftesten Praktiker unserer Zeit. Im übrigen: auch das Deutschlandlied trieft von Gefühl, ohne Text. Damit sich niemand irrt: es ist, wie die Plattentasche versichert, natürlich nicht die erste, sondern die dritte Strophe.

Doch solche Not hat auch ihre Tugend: Seit längerem schon macht die Firma ernstlich nicht mehr mit dem restaurativen Karajan von sich reden, sondern mit Kagel, Stockhausen und Henze. Damit hat sich einer der bislang konservativsten Schallplattenbetriebe zum Musica-viva-Vorreiter entwickelt. Joachim Matzner