Mittelalterige oder ältere Liberale fragen sich doch ganz oft, was denn eigentlich dran sei an dem Gemeinplatz vom „Generationenkonflikt“.

Da es ihn (wie mittelalterige Leser wissen) schon ziemlich lange, um nicht zu sagen „schon immer“, gibt, wird es ihn ja wohl geben. „Trust nobody over thirty“ war nur insofern neu, als man es auf einmal in Deutschland auf Englisch sagte. Aber bereits irgendwo im „Faust“ behauptet, wenn mein Gedächtnis nicht trügt, ein, naseweiser Student, wer einmal über dreißig sei, der sei doch schon so gut wie tot. Und gern erinnere ich mich der Feierstunde zu Kants fünfzigstem Geburtstag. Die Festrede auf den Jubilar hub an: „Ehrwürdiger Greis....“

An Zeugnissen, Dokumenten fehlt es nicht: und trotzdem fragen sich die „ehrwürdigen Greise“, denen es doch „wie gestern“ vorkommt, daß sie selber zwanzig waren, immer wieder, ob und warum es denn einen „Geist der Jugend“ gibt, der ihrem eigenen Geist fremd geworden ist.

Ich ehrwürdiger Greis frage mich: ob es denn da wirklich um den Gegensatz Jugend–Alter geht oder doch eher um nicht notwendig damit gleichzusetzende Altersbegleiterscheinungen wie: Verantwortung für andere mittragen zu müssen; zu erleben, wie das Verhältnis zwischen physischen Lustgefühlen und Unlustgefühlen sich zum Nachteil des Fühlenden verschiebt; die Strecke, die man noch vor sich sieht, im Verhältnis zur zurückgelegten Strecke erschreckend kurz zu finden. Das alles sind ja Erlebnisse, die ein phantasiebegabter oder sonst nicht ganz gesunder Fünfundzwanzigjähriger auch haben kann.

Außerdem gibt es glückliche Greise, die noch immer voller Jugend sind oder wenigstens von den Jugendlichen als ihresgleichen akzeptiert werden: Herbert Marcuse und Robert Neumann zum Beispiel, von Mao und (als er noch lebte) Ho Tschi Minh nicht zu reden. Zeigt das nicht, daß eine Trennung der Weltbevölkerung in Unter-Dreißigjährige und Über-Dreißigjährige keiner Nachprüfung standhält? Wenn wir dazu noch, zum Beispiel, die beamteten oder freiwilligen Funktionäre der ewig jungen Linken nehmen, die seit ihrem dreißigsten Geburtstag vergessen haben, daß sie inzwischen auch über vierzig sind...

Unsereiner als halbakzeptierter Greis kommt ja von Berufs wegen in den Genuß von vielen Leserbriefen. Und wenn er noch so gute Gründe dafür zu haben meint, die Dreißiger-Linie als eine ganz willkürliche Grenze zu sehen: die Summe dieser Briefe überzeugt ihn davon, wie sehr er irrt.

Das Schema X geht so: Leser A (um die sechzig) beschwert sich, daß irgendeine Glosse die geordnete Welt aus den Angeln hebe, also schwachsinnig sei; Leser B (unter dreißig) meint von der gleichen Glosse, sie lege Zeugnis ab für des Autors Verhaftetsein im Establishment, und seine daraus resultierende Unfähigkeit, die Welt von heute zu begreifen, sei also schwachsinnig.

Als höflichen Leser B (also eine aufregend ausgefallene Spezies) lernte ich den Gerichtsreferendar Ekke Demandt kennen. Was er, selber noch unter dreißig, über die geistige Welt der Unter-Dreißigjährigen mitzuteilen hatte, schien uns wert, ZEIT-Lesern zur Kenntnis gebracht zu werden. Rudolf Walter Leonhardt