Alte Herren der Literatur, um die es still geworden ist, weil sie verdiente Ruhe genießen, sollte man nicht aufstören. Der Schriftsteller Ernst Jünger zum Beispiel behält wohl seine schwindende Lesergemeinde, auch wenn die Lorbeeren welken, die er zuerst auf dem Schlachtfeld, dann auf literarischem Feld und stets auch mit der Botanisiertrommel geerntet hat. Jüngers Vorliebe für seltsame Pflanzen, Versteinerungen und "subtile Jagden" (1967) hat aber den Siebenundsiebzigjährigen auf den politischen Dschungelpfad geführt: Seit Ende letzten Jahres steht sein Name unter denen des internationalen Herausgeberkomitees der Monatszeitschrift "La Destra" (Die Rechte), die von Italiens Neofaschisten publiziert wird. Ist hier sein Name mißbraucht, oder ist es ein Irrweg des "Waldgängers"?

In "Stahlgewittern", die für Krieger des Atomzeitalters heute schon wie Theaterdonner klingen, empfand Jünger vor einem halben Jahrhundert den "Kampf als inneres Erlebnis". Damals war er fünfundzwanzig. Als dann mit dem "totalen Krieg", dessen Begriff er erfunden hat, Ernst gemacht wurde, erschrak er selbst. "So denken wir an unsere stolzen Tage gern zurück, doch sollen wir auch jene nicht verschweigen, in denen das Niedere über uns Gewalt gewann", lasen wir bei ihm 1939 – da war er Mitte Vierzig – und entzifferten seinen mythologisch verbrämten Ausflug "Auf den Marmorklippen": Das dunkle Reich des "Oberförsters", mit dem er Hitler meinte, wurde da schön gruselig wie ein Naturereignis beschrieben.

Jünger ist und war nie ein Liberaler. Seine konservative Abneigung gegen die Demokratie hat ihn zeitweilig dem Rechtsradikalismus, aber auch, wen wundert es heute, den Linksrevolutionären nahegebracht. Doch blieb er stets viel zu sehr Ästhet, ein feiner Herr der Feder, als daß er am rüden Tun von Diktatoren hätte Geschmack finden können. Nach dem Zweiten Weltkrieg, den er mit einer Friedensschrift beendete, schien er vollends Abschied vom Nationalismus genommen zu haben: Der Nationalstaat habe in diesem Jahrhundert keine sinnvolle Zukunft mehr, nur in einer europäischen Lösung liege auch die "Heilung für Deutschland, das niemals wieder als Nationalstaat auferstehen kann" (Strahlungen, 1949). Und heute?

In der neuesten Ausgabe von "La Destra" tritt Jünger zum erstenmal selbst mit einem Beitrag auf – zusammen mit dem Faschisten Mario Tedeschi, der von der "nützlichen Funktion des Krieges" überzeugt ist. In der gleichen Ausgabe wird genüßlich der obskure amerikanische Rassist H. P. Lovecraft, ausgegraben, der von der "Überlegenheit der arischen Teutonen" faselt und Sentenzen wie diese von sich gibt: "Das Blut von einer Million Menschen ist gut vergossen, wenn es nur eine Ruhmeslegende für die kommenden Generationen schafft wozu es vergossen wird, spielt dabei keine Rolle ... Wir wollen keine Reformen ... Was wäre die Welt ohne das Böse..."

Was aber schreibt in solcher Gesellschaft Ernst Jünger? Kehrt der Greis nun etwa auch zum stahlgewittrigen Jünglings-Pathos zurück? – "Tage auf Formosa" heißt sein Beitrag schlicht, harmlose Tagebuchblätter von 1965, Reise-Reflexionen wie etwa über die unversehrte Lust der Chinesen am Essen, die ein Symptom robuster Vitalität sei und dem von Oswald Spengler beschriebenen Bild einer dekadenten Kultur widerspreche. Küchenweisheiten, die nicht die Hauspostille der italienischen Neofaschisten zieren müßten.

Was also hat Ernst Jünger bewogen, seinen Namen dafür herzugeben? Wohl kaum die unseriöse Schmeichelei, mit der ihn "La Destra" als "den größten Schriftsteller des heutigen Deutschland" bezeichnet. Ernst Jünger hat vielmehr schon immer die "Pracht des Wachstums" auf einem Boden aufgespürt, "den ein Ruch von längst verwelktem Grün durchwitterte" (Marmorklippen). In der Botanik mag das stimmen, in der Politik jedoch wächst aus Fäulnis und Moder nichts außer ganz unpoetischen Übeln.

Hansjakob Stehle