Allen Krisen und Querelen zum Trotz ist Westeuropa fähig zum Fortschritt. Das hat sich am vergangenen Wochenende in Brüssel gezeigt, als das Europa der Zehn und die sechs übriggebliebenen Efta-Staaten feierlich ihren Willen zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit bekundeten. Die von den Vertretern der sechzehn Regierungen unterschriebenen Optionen werden den größten Teil Westeuropas in den nächsten fünf Jahren zu einem Wirtschaftsgebiet fügen, das nahezu die Hälfte des Welthandels abwickelt. Das Fundament des neuen Giganten wird der zollfreie Austausch von Industriegütern über die Grenzen hinweg sein.

Wichtigster Förderer und größter Nutznießer dieser Entwicklung ist die Europäische Gemeinschaft. Sie wird freilich auch die Hauptlast der Kritik ertragen müssen. Denn die Zollunion in Westeuropa und die von Brüssel anvisierte Freihandelszone mit den Mittelmeerländern sind ein Ärgernis für alle nicht dazugehörigen Handelsmächte. Der Unmut über die handelspolitischen Expansionsbestrebungen der EWG ist schon heute zu vernehmen und wird bei der bevorstehenden GATT-Runde unüberhörbar werden.

Unter diesen Umständen ist es um so wichtiger, daß die EWG funktioniert, daß ihre Institutionen handlungsfähig und der politische Gemeinschaftswille stark genug bleiben, um den wirtschaftlichen Ambitionen des Europas der Zehn zu entsprechen und dem Druck von außen standzuhalten.

Die Aussichten für die Pariser Gipfelkonferenz, die dem inneren Ausbau und der Festigung der Zehnergemeinschaft dienen soll, stimmen jedoch nicht sehr optimistisch. Die Außenminister haben sich bei ihrem Vorbereitungstreffen nur auf ein Minimalprogramm einigen können. Von dem ambitiösen "Triptychon" für den Gipfel – Fortschreibung der Wirtschafts- und Währungsunion, Neudefinition der Außenbeziehungen und "innenpolitische" Weiterentwicklung der Gemeinschaft – ist nur noch wenig übriggeblieben.

Alle EWG-Mitglieder werden den Gipfel niedriger ansetzen müssen. Diejenigen, denen das am wenigsten Kopfzerbrechen zu bereiten scheint, sind offenbar die nüchternen Engländer. Ihr Vorschlagskatalog für die Konferenz läßt sich, im Gegensatz zu den Wunschlisten der anderen Länder, bequem auf einem Blatt Papier unterbringen, denn er enthält nur zwei Anregungen: die eine, Wirtschafts- und Währungsunion betreffend, verweist schlicht auf die bisher zu diesem Thema geäußerten Vorstellungen, die andere ("Institutionelle Fragen") fordert die ohnehin unabwendbare "Erneuerung der Kommission".

Solche Zurückhaltung mag angesichts der gelegentlich zu beobachtenden Euphorie in europäischen Belangen vernünftig wirken. Sie müßte bedenklich stimmen, falls sie der Beginn einer allgemeinen Entmutigung sein sollte und entscheidende Fortschritte der Gemeinschaft nur noch gefordert und möglich wären, wenn sie so kurzfristige Vorteile versprechen wie die jetzt beschlossene Freihandelszone mit den Staaten der Rest-Efta. Dieter Buhl