Genau sechs Monate nach den EWG-Beitrittsverträgen mit England, Irland, Dänemark und Norwegen setzten am Samstagmorgen im Brüsseler Palais Egmont Vertreter von 16 europäischen Staaten 522 Unterschriften und Paraphen unter 3000 Seiten Vertragstext und schufen damit zum 1. Januar 1973 eine Freihandelszone, die 290 Millionen Europäer umfaßt. Die Freihandels-Verträge mit den Rest-Efta-Staaten Schweden, Schweiz (ein Sonderabkommen regelte die Einbeziehung Liechtensteins), Österreich, Finnland, Portugal und Island sehen vor, die Zölle auf Industriegüter vom 1. April nächsten Jahres an in fünf Stufen um je 20 Prozent zu senken und damit bis zum 1. Juli 1977 alle Zollgrenzen zu beseitigen. Ausgenommen bleiben 13 spezielle Produkte, für die längere Fristen vereinbart wurden.

Bis auf Finnland haben alle Vertragspartner der erweiterten EWG die Möglichkeit weiterer Annäherung in die Texte übernommen. Bis dahin können sie, da weder eine Zollunion noch eine Angleichung der Rechtsvorschriften vorgesehen ist, ihre Zölle gegenüber Drittländern selbständig festsetzen. Für den erleichterten Agraraustausch zwischen den zehn EWG-Partnern und den ehemaligen Efta-Staaten müssen jeweils Sonderbedingungen ausgehandelt werden. Schweden, die Schweiz und Österreich übernehmen künftig für den Bereich Kohle und Stahl alle Kommissionsverordnungen in ihre Gesetzgebung. Mit Österreich würde außerdem ein Zwischenabkommen geschlossen, das schon vom 1. Oktober an eine 30prozentige Zollsenkung bringt.

Die Vereinbarungen mit Island treten freilich nur in Kraft, wenn der Streit um die Ausdehnung der Fischereigrenzen von zwölf auf 50 Seemeilen beigelegt wird.

Finnland hat den Vertrag vorerst nur paraphiert. Die sozialdemokratische Minderheitsregierung unter Rafael Paasio war drei Tage vor dem Brüsseler Zeremoniell mit der Begründung zurückgetreten, die schmale Regierungsbasis – nur 55 von 200 Sitzen – erlaube es nicht, die Verantwortung für die Abmachungen zu übernehmen.

Helsinki war es nicht gelungen, bei der elfjährigen Harmonisierungsphase für den Holz- und Holzprodukten-Export wie bei der Regelung der Agrarausfuhr alle seine Vorstellungen durchzusetzen. Besonders der neue EWG-Partner England zeigte sich, wie auch im Falle Portugal, als äußerst zäher Verteidiger, eigener Interessen. Paasios Schritt war freilich auch eine Flucht nach vorn. Seine Reform der Altersfürsorge sah Mehrausgaben von rund 160 Millionen Mark vor; die Opposition (mit einer Mehrheit von 108 Sitzen) unterbreitete dagegen ein Programm, das rund das Dreifache an Ausgaben vorsah und ohne Steuererhöhungen, die Paasio nicht vertreten wollte, nicht zu finanzieren war. Ein anderer Politiker soll jetzt die Bildung einer Koalition aus Sozialdemokraten, Agrariern und Kommunisten versuchen.