Wie China Ost und West in der Dritten Welt den Rang ablaufen möchte

Von Wolfgang Hoffmann

Der Vorsitzende Mao schrieb: „An allen Orten gibt es Schwierigkeiten und Probleme, zu deren Überwindung oder Lösung wir benötigt werden. Wir gehen dorthin zur Arbeit und zum Kampf.“ Und deshalb schickte er Tausende seiner „blauen Ameisen“ in die unterentwickelte Welt.

Die Volksrepublik China macht mit ihrer Entwicklungshilfe immer mehr von sich reden. In Tansania und Sambia bauen Maos Genossen eine 2000 Kilometer lange Eisenbahnlinie, deren Wert und Rentabilität sowohl von der Weltbank in Washington als auch vom Kreml in Moskau gleichermaßen in Frage gestellt werden. In Mauretanien sind Chinas Experten am Werk, den größten Hafen des schwarzen Kontinents zu bauen. Die Chinesen bauen Textilkombinate, Schuhfabriken, Wasserkraftwerke – und sie liefern Waffen für die Revolution.

Dabei ist China selbst noch Entwicklungsland. Doch das Reich der Mitte hat nicht nur das Problem des Hungers und der Überbevölkerung gemeistert, es hat auch die Arbeitslosigkeit überwunden und verfügt über eine ausgeglichene Zahlungsbilanz, die es von Ost und West unabhängig macht. Der natürliche Reichtum des Landes und die der Gesellschaftsstruktur seit Jahrtausenden anhaftenden kollektivistischen Züge haben den großen Sprung in das industrielle Zeitalter ermöglicht. Und nun will China Vorbild und Modell für die Dritte Welt sein.

Vor weniger als einem Jahrzehnt selbst noch Empfänger von Entwicklungshilfe, übertrifft die Wirtschaftshilfe Chinas heute bereits die der Sowjetunion und des gesamten Ostblocks. Zwar fehlen genaue Zahlenangaben, denn Maos Genossen geizen mit Statistiken, doch zeigen die Schätzungen, mühsam zusammengestellt, beachtliche Anstrengungen Pekings: 1970 gewährten die Chinesen 2,5 Milliarden Mark Kredite; 1971 stieg die Kapitalhilfe auf nahezu drei Milliarden Mark. (Zum Vergleich: 1971 vergab die Bundesrepublik 2,6 Milliarden Mark Entwicklungshilfe). Dieser Betrag übertrifft die gesamte chinesische Kapitalhilfe in den Jahren 1956 bis 1970 um fast ein Drittel. Wolfgang Barthke vom Institut für Asienkunde in Hamburg zählte 28 Länder in Afrika, Asien und im Nahen Osten, die von China Entwicklungshilfe erhalten.

Die Kreditbedingungen Pekings sind einmalig in der Welt: 89 Prozent der Kredite sind zinslos, acht Prozent gelten als Geschenk und der Rest wird zu einem Zinssatz von zwei bis zweieinhalb Prozent vergeben. Die Laufzeit beträgt meist 20 Jahre. Dennoch sind nach Schätzungen des Hamburger Instituts die Zusagen Chinas nur zu etwa 50 Prozent ausgeschöpft worden; nach Schätzungen der Friedrich-Ebert-Stiftung sogar erst zu etwas mehr als 30 Prozent. Angesichts der Kontroverse Moskau–Peking zögern viele Entwicklungsländer, sich allzusehr an Peking zu binden.