Nippon auf der Suche nach seiner künftigen Bestimmung

Von Theo Sommer

Im Jahr der Ratte, mit dem 1972 der Zwölfjahreszyklus der fernöstlichen Tierkreiszeichen neu begonnen hat, ist für Japan die Nachkriegszeit zu Ende gegangen.

An Markierungen des Wandels fehlt es nicht. Nixons Reise nach Peking und der fortschreitende Rückzug Amerikas aus Asien haben den auswärtigen Horizont des Kaiserreiches von Grund auf geändert; die Phase der bequemen Gewißheit, daß China ein Feind, Amerika aber ein Freund sei, ist endgültig vorüber. Im Inneren jedoch bezeichnet der Amtsantritt des 54jährigen Ministerpräsidenten Kakuei Tanaka das Ende einer Epoche; eine jüngere Generation löst die greisen Bürokraten ab, die in einer bewunderungswürdigen Kraftanstrengung aus der Trümmerwüste, von 1945 die dritte Wirtschaftsmacht der Welt gemacht haben.

Die 105 Millionen Japaner registrieren den Wandel mit zwiespältigen Gefühlen. Einerseits war vielen von ihnen der alte außenpolitische Rahmen, gezimmert in der Eindämmungsphase der amerikanischen Chinapolitik, längst lästig geworden, und auch die Jagd nach immer größeren Zuwachsraten des Bruttosozialprodukts erschien ihnen seit einiger Zeit angesichts der negativen Nebenprodukte des Fortschritts als zweifelhaftes Ziel. Andererseits jedoch verunsichert sie die doppelte Herausforderung im Inneren und im Äußeren. Zwei ihrer herkömmt lichen Konzepte taugen nicht mehr: amae, das Sichverlassen auf den guten Willen anderer; und gashin shotan, frei übersetzt: Sichkrummlegen und trocken Brot essen.

Hinzu kommt eine Bewußtseins- und Identitätskrise, wie sie in der japanischen Geschichte chronisch wiederkehrt. Die Japaner wissen weder recht, was sie wollen, noch was sie wollen sollen. Nach einer Periode zügelloser, wiewohl gewinnträchtiger Anbetung und Aneignung alles Fremden schwanken sie wieder einmal zwischen Rückbesinnung auf sich selber und noch weiterer Entnationalisierung, Traditionsentäußerung, Verwestlichung – nun auch ihrer Wertbegriffe. Sie denken, da sie Japaner sind, hierarchisch und suchen krampfhaft nicht nur nach einer Rolle, einem Standort in der Welt, sondern vor allem nach einem Rang.

Kein klares Ziel