Nach fünfzehn Jahren Top-Management“, sagte sich Dr. jur. Manfred Köhnlechner, „ist der Zenit überschritten. Man soll abtreten, bevor man sich für unentbehrlich hält oder wenn der Erfolg zur Gewohnheit wird.“ Der Generalbevollmächtigte von Bertelsmann, der seit 1958 Deutschlands größten Unterhaltungskonzern maßgeblich mitaufbaute, hielt sich an diese Erkenntnis und zog sich 1970 beinahe über Nacht aus dem Wirtschaftsleben zurück.

Was damals viele nur für eine schöpferische Pause hielten, war in Wirklichkeit ein kompromißloser Bruch mit der beruflichen Vergangenheit. Der 1925 geborene Spitzenmanager verkaufte seine unternehmerischen Beteiligungen, legte sein Amt als Honorarkonsul von Österreich nieder, schlug konsequent alle attraktiven Angebote aus Wirtschaft und Politik aus und machte sich „mit Besessenheit“ daran, einen Jugendtraum zu verwirklichen: Er verschrieb sich der Naturheilkunde. Im Münchner • Prominentenvorort Grünwald hat Köhnlechner jetzt eine Praxis eröffnet.

„Noch nie in meinem Leben“, sagt der Ex-Manager, „habe ich so viel gebüffelt wie in den letzten beiden Jahren.“ Der passionierte Frühaufsteher unterwarf sich einem harten Selbststudium, reiste nach Hongkong, wo er die uralte chinesische Heilmethode der Akupunktur kennenlernte, übte in kleinem Kreis mit Spezialisten, bis er sich „eine solide Technik“ angeeignet hatte, und absolvierte mit Erfolg die amtliche Heilpraktikerprüfung. Mit einem akademischen Medizinstudium konnte er sich dagegen nicht befreunden: „Ich hätte da zuviel Ballast aufnehmen müssen.“

Durchaus der Grenzen seiner Methoden bewußt, widmet sich Köhnlechner („ich mache nichts, wo ich nicht sicher bin“) mit Vorliebe Fällen, „an denen die Schulmedizin scheitert“. Dabei bedient er sich vor allem der Akupunktur, bei der nahezu schmerzlos hauchdünne silberne und goldene Nadeln in den Körper gestochen werden, aber auch der Neuraltherapie und der Chirotherapie. Das dazu notwendige handwerkliche Können hält der Heilpraktiker für erlernbar. Köhnlechner: „Ich habe alles an mir selbst ausprobiert.“

Dem geschulten Rationalisten fiel es, wie er freimütig einräumt, anfangs ziemlich schwer, sich mit Heilmethoden zu befassen, die zwar langsam „salonfähig“ würden, aber wissenschaftlich nur unzureichend zu belegen seien. Aber, so meint er, die Medizin dürfe sich nicht den Luxus leisten, Methoden zu ignorieren, die sich bewährt haben. Denn: „Es gibt kein absolutes Primat einer bestimmten Lehre, nahezu jede optimale Therapie ist eine Kombination von mehreren Methoden.“

Vor der Gefahr, ein Mode-Heilpraktiker zu werden, bei dem sich behandeln zu lassen in „besseren Kreisen“ „in“ ist, hält sich Köhnlechner gefeit: „Mich interessiert der Fall, ich behandle jeden.“ Da er finanziell ausgesorgt hat, ist er auf reiche Patienten nicht angewiesen.

Bei seiner Naturheilpraxis will es Köhnlechner belassen. Für die nächsten Jahre ist der Bau eines Sanatoriums geplant, in dem streßgeplagte Menschen wieder natürliches Leben lernen sollen. Außerdem trägt er sich mit dem Gedanken, eine Stiftung zu gründen. Sie soll unter anderen dazu beitragen, das gestörte Verhältnis zwischen-Schulmedizin und Naturheilkunde zu verbessern. Die „Arroganz“ mancher Schulmediziner und das „Sendungsbewußtsein“ gewisser Vertreter von Außenseitermethoden sollen einer „gegenseitigen Respektierung und wechselseitigen Befruchtung“ weichen.