Von Wolf Donner

Heinz Rühmann oder Roy Black zum bayerischen Ministerpräsidenten gewählt? Uschi Glas bei einer Wahlkampagne für Strauß vorübergehend festgenommen? Solche Meldungen würden bei uns als Aprilscherze abgetan. Zu fern der Realität oder gar der Politik spielen sich hier der Film und das Showgeschäft ab, zu aberwitzig und auch deplaciert wäre dem hiesigen Publikum die Vorstellung, auch ein Star könne ein politisch denkender oder engagierter Mensch sein.

Anders in Amerika, wo schon die Geschichte einzelner Trivialfilm-Genres, so harmlos sie auch erscheinen mögen, ein permanentes politisches Engagement artikulieren, wo man einen Ex-Schauspieler als Gouverneur (Ronald Reagan in Kalifornien) oder die monatelange Vortragsreise einer Schauspielerin für ihren politischen Kandidaten (Shirley MacLaine für McGovern) nicht außergewöhnlich findet. Fast versteht es sich von selbst, daß die Filmstars in Amerika sich am Wahlkampf beteiligen, mit Demonstrationen, Shows, Sammlungen, Sympathiekundgebungen. So streiten oder stritten unter anderen

  • für Nixon: Pat Boone, Arlene Dahl, Yvonne de Carlo, Clint Eastwood, Rhonda Fleming, Zsa Zsa Gabor, Bob Hope, Fred MacMurray, Dean Martin, Virginia Mayo, Ann Miller, Terry Moore, Frank Sinatra, James Stewart, John Wayne;
  • für McGovern: Warren Beatty, Tony Curtis, Elliott Gould, Gene Hackman, Goldie Hawn, Dustin Hoffman, Elia Kazan, Gene Kelly, Burt Lancaster, Karl Maiden, Fredric March, Walter Matthau, Vera Miles, Paul Newman, Jack Nicholson, Robert Ryan, Rod Steiger, Barbra Streisand, Robert Vaughn, Jon Voight, Eli Wallach, Raquel Welch;
  • für Humphrey: Jimmy Durante, Eva Gabor, Lorne Greene;
  • für Muskie: Henry und Peter Fonda, Jack Lemmon, Ryan O’Neal, Edward G. Robinson, Shelley Winters, Natalie Wood.

Auf der Basis dieser oft sehr regen und aktiven Beteiligung ihrer Kollegen an der Politik ist die seltsame, mit viel Klatsch und Tratsch begleitete Wandlung der Jane Fonda vom Busenstar („Barbarella“) zur amerikanischen Jeanne d’Arc zu verstehen. Jahrelang war sie Henry Fondas talentierte und etwas exzentrische Tochter, seit 1965 Roger Vadims scheinbar glückliche Frau. Es gibt Bilder der beiden, die etwas spießig aussehen und sehr denen des jungen Paares Meinhof-Röhl gleichen; sie zeigen eine liebe, naive, anschmiegsame Jane Fonda, ganz das verführerische Kindweib Vadimscher Prägung, Amerikas Antwort auf Brigitte Bardot, wie die Zeitungen damals schrieben.

Dann brach die Fonda plötzlich aus. Sie entwickelte eine fieberhafte Aktivität, trat bei Aktionen und Demonstrationen auf, verteilte Flugblätter, hielt Vorträge, gab politische Interviews und spendete Millionen für die Bürgerrechts-Bewegung. Sie unterstützte die Black Panthers und die Antikriegs-Kampagnen der Vietnam-Veteranen, setzte sich für die Rechte der Indianer ein, beteiligte sich am Kampf der Women’s Liberation Front.

Filmverträge unterschrieb sie nur noch, wenn ihr jederzeit Urlaub für ihre Protest-Verpflichtungen möglich war und wenn sie sich einen politischen Effekt von dem Film versprach. Das Publikum entdeckte eine neue Schauspielerin und ein neues Gesicht in der resignierten Marathon-Tänzerin der Depressionszeit („Nur Pferden gibt man den Gnadenschuß“) und in der New Yorker Prostituierten mit Psychoknacks („Klute“), deren Milieu sie genau studiert hatte und für die sie den Oscar bekam. In Godards Anfang dieses Jahres gedrehtem. Film „Tout va bien“, der nicht ins deutsche Kino, vielleicht aber ins Fernsehen kommen wird, spielt sie eine Journalistin, die zusammen mit ihrem Mann, einem Regisseur (Yves Montand), in einen Streik verwickelt wird und dabei ein neues politisches Bewußtsein entwickelt.