Ein bekannter Mitarbeiter der Pariser Tageszeitung Le Monde mit Namen André Passeron hat in erster Instanz einen Prozeß gegen die Erben de Gaulles verloren. Er wurde für schuldig befunden, in einem Buch über den General als Staatschef zu viele Zitate verwendet zu haben. Nun verlangt das Gericht vom Autor und seinem Verleger (Bordas, Paris), das Buch müsse eingestampft, verbrannt oder auf andere Weise vernichtet werden. Und wenn die letzte Instanz nicht anders beschließt, ist auch ein Sühnegeld an die de Gaulleschen Erben fällig. Nach einem Vertrag, den der General mit dem Verlag Plon abschloß, habe allein dieser das Recht, die Reden und Ansprachen de Gaulles zu drucken und zu vertreiben: so lautete der Gerichtsspruch, gegen den Maître Sarda als Vertreter der Verurteilten sofort Einspruch erhob.

Madame de Gaulle, Madame de Boissieu (des Generals Tochter), Admiral Philippe de Gaulle (sein Sohn) und der Verlag Plön halten sich an das Gesetz über den „Schutz literarischen und künstlerischen Eigentums“, das im Artikel 2 ausdrücklich „alle Rechte des Autors an allen Werken des Geistes schützt, gleich welcher Art, Ausdrucksform, welchen Wertes, welcher Bestimmung“;

Der Rechtsanwalt der Gegenseite, übrigens ein Verehrer de Gaulles, sagt indessen: „Wir sollen ein Buch mit Zitaten und Sätzen verbrennen, die die Franzosen auswendig können? De Gaulle, dieser Riese der Geschichte, ist nicht auf Seiten seiner Familie, sondern auf unserer Seite. Denn seine Reden, Ansprachen, Weisungen, Botschaften sind öffentlicher Besitz!“

Auf den Einwand des Gerichts, dies sei der Fall gewesen, solange es sich um aktuelle Politik gehandelt habe, erwiderte er in großer Aufwallung der Gefühle: „Was? De Gaulle nicht mehr aktuell? Wo heute noch alle, ob Gaullisten oder Nichtgaullisten, sich unentwegt auf ihn berufen!“ Es handele sich hier also nicht um eine literarische, sondern nationale Sache. Außerdem war ihm noch ein Satz aus der Zeit im Gedächtnis, da de Gaulle in London während des Krieges Chef des „Freien Frankreichs“ war: „Ich gehöre“, so hatte der General gesagt, „niemandem, denn ich gehöre allen.“ Auch durch diesen Satz ließ sich das Gericht erster Instanz nicht beeindrucken.

Daß die Nachwelt gelegentlich Schwierigkeiten mit den Erben von Autoren und Künstlern hat, ist bekannt. Es gibt Fälle, da die Witwe eines Autors verlangte, bestimmte Namen, zum Beispiel weibliche, müßten aus dem Werk ihres Gatten gestrichen, andere, zum Beispiel ihr eigener, an passender Stelle und in rührender Weise hinzugefügt werden. Daher die Ansicht mancher Verleger oder Verlagslektoren: „Ach, wenn wir in Europa doch auch die ergreifende Sitte der Witwenverbrennung hätten!“

Bekannt sind auch Fälle, da Söhne oder Töchter eines berühmten Malers bestimmten, welche Werke ihres Vaters echt sind und welche nicht. Aber es müssen nicht nur Witwen und Kinder sein, die der Nachwelt eines großen Mannes Schwierigkeiten bereiten: Wilhelm Busch zum Beispiel hatte weder das eine noch das andere. Sobald aber ein unvorsichtiger Redakteur die kleinste Zeichnung dieses Meisters des Humors zur Illustration eines Artikels benutzte, hielten die Erben ganz humorlos die linke Hand auf, während sie mit der Rechten einen Drohbrief schrieben, in dem unvermeidlich das Wort „anderenfalls“ vorkam.

Interessant, gleichwohl höchst bedenklich ist, daß jetzt auch ein Staatsmann und sogar im Falle seiner mündlichen Äußerungen in den Kreis der gesetzlich geschützten Autoren aufgenommen werden soll. Dabei sind die staatsmännischen Äußerungen zum großen Teil erst durch uns, das gläubige oder ungläubige Volk, hervorgerufen worden. Er hat uns Ratschläge gegeben und Warnungen, die wir befolgen sollten: zu unserem und zu seinem Besten. Und jetzt persönlich wird er uns entrückt. Er trägt ein Schild „Gesetzlich geschützt“. Und wiederholt ein Autor, was der große Mann gesagt hat, damit wir es beherzigen: „Nichts da“, so spricht beispielsweise die Familie, „die Rechte liegen bei uns und bei Plön!“