Die Kommunisten können das Nationalitätenproblem mit ihrem Dogma nicht lösen / Von Milovan Djilas

In Jugoslawien wuchert neue innenpolitische Zwietracht. Nur durch einen ideologischen Gewaltakt, durch Massensäuberungen und Massenverhaftungen konnte Ende 1971 der kroatische Nationalismus gebändigt werden. Titos Lebenswerk eines integrierten jugoslawischen Vielvölkerstaates scheint jedoch ungefestigter denn je. Wie soll es „nach Tito“ weitergehen?

Mit der nationalen Frage unmittelbar verbunden sind die Hoch- und Tiefpunkte der Kommunistischen Partei Jugoslawiens. Die Macht jugoslawischer Kommunisten stieg und sank in eben dem Maße, in dem ihre Politik die Besonderheiten der Nationalitäten berücksichtigte.

Betrachtet man die Geschichte des jugoslawischen Kommunismus vor dem Hintergrund der nationalen Frage, so lassen sich verschiedene Phasen erkennen:

  • Während der ersten Phase kommunistischer Aktivität, die bereits 1918 mit der Bildung des jugoslawischen Staates einsetzte, strebten auch die Kommunisten die totale Integration der jugoslawischen Nationen an. Jugoslawien galt als eine einheitliche Nation. Nationale Widerstände gegen die Integration, die besonders von den Kroaten kamen, führten zu heftigen Reibereien innerhalb der Kommunistischen Partei.
  • In der zweiten Phase überwog bei den Kommunisten die antijugoslawische Position. Die Tatsache einer einheitlichen jugoslawischen Nation wurde negiert und die Vorstellung von der Notwendigkeit eines jugoslawischen Staates zurückgewiesen. Diese Verhaltensweise erklärte sich dadurch, daß die revolutionäre Tätigkeit im damaligen Europa nachgelassen hatte und die von Moskau gelenkte Komintern die Gründung des jugoslawischen Staates als eine künstliche Schöpfung der Versailler Verträge ablehnte. Dies war die kommunistische Position, als am 6. Januar 1929 die Diktatur des serbischen Königs Alexander ausgerufen wurde und einige Jahre später Hitler in Deutschland die Macht übernahm.
  • Dann erfolgte ein Umschwung, der die dritte Phase einleitete: Moskau nahm dem jugoslawischen Staat gegenüber eine positive Haltung ein. Zwar schloß sich die Kommunistische Partei Jugoslawiens diesem sowjetischen Standpunkt an, doch gelang es ihr in der Praxis nicht, eine eigentliche Nationalitätenpolitik zu entwickeln. Im Kampf gegen Nationalsozialismus und Faschismus paßte sich die Parteipolitik lediglich den Besonderheiten der einzelnen Nationen an. Es war die Phase der allgemeinen Konsolidierung der Partei, die sich auf Krieg und Revolution vorbereitete. Die nationale Frage wurde zu einem Bestandteil der Revolution, das heißt des Kampfes der jugoslawischen KP um die Macht. Noch während des Aufstands gegen die Besatzungsmächte entstand dann das neue, das föderative Jugoslawien.
  • Mit Beendigung des Zweiten Weltkrieges setzte eine vierte Phase ein, die erst Mitte der sechziger Jahre zu Ende ging. Die jugoslawische Föderation wich im Verlauf dieser Zeit mehr und mehr vom sowjetischen Muster ab, ohne daß jedoch die revolutionäre Dogmatik, die zu einer sterilen, aussichtslosen Hegemonie der Parteibürokratie entartete, überwunden werden konnte.

Taktik im Machtkampf

Dieser Rückblick auf die Aktivität der jugoslawischen KP zeigt, daß die jugoslawischen Kommunisten ihren Standpunkt in der nationalen Frage dem Kampf um die Macht anpaßten. Der jeweils „richtige“ Standpunkt in der nationalen Frage war immer der, der sich als zuverlässigster Weg zur Macht erwies. Kommunisten übernahmen allerdings gern Führungspositionen in nationalen Bewegungen und Aufständen, wobei sie aber die nationalen Interessen ihrem „Internationalismus“, also den Interessen der sowjetischen Großmacht unterordneten.