Von Paul Kersten

Als man Günter Eich unlängst um die Selbstinterpretation eines Gedichts bat, antwortete er lapidar: „Ich lehne es immer und überall ab, mich zu mir und meinen Sachen zu äußern.“ An diese rigorose Maxime hat er sich bis auf wenige Ausnahmen stets gehalten.Seinen Hörspielen, Gedichten und Prosatexten gegenüber übte sich Günter Eich, der im Februar dieses Jahres 65 wurde, immer in theoretischer Abstinenz, vermied Diskussionen und verzichtete zum Ärger und Ansporn interpretationsbesessener Kritiker und Germanisten darauf, seine eigene ästhetische Position essayistisch zu reflektieren.

So enthält auch

Günter Eich: „Ein Lesebuch“, ausgewählt von Günter Eich, Nachwort von Susanne Müller-Hanpft; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 327 S., 20,– DM

keinen theoretischen Text, also weder die immer wieder zitierten poetologischen Äußerungen „Der Schriftsteller vor der Realität“ von 1956 noch die politisch engagierte Büchnerpreis-Rede von 1959. Dennoch liegt mit diesem Lesebuch zugleich ein aufschlußreicher indirekter Selbstkommentar und der beste Querschnitt durch das Werk des Autors vor, denn: Günter Eich hat die Auswahl der Lektüre selbst getroffen. In diesen neu sortierten literarischen Arbeiten aus mehr als vierzig Jahren artikuliert sich die kritische und prüfende Haltung eines Autors, der die Resonanz seines Werkes vom heutigen gesellschaftlichen Standort und der gegenwärtigen literarischen Situation her beurteilt.

Es ist ein durchweg unkonventionelles Eich-Lesebuch, kein Digest, der „Das Bekannteste“ aus dem Werk des Autors bieten will, kein Sammelband für Zitatjäger. Dieses Buch will nicht als Anthologie, sondern als exemplarische Dokumentation gelesen werden, die geeignet ist, das von der Literaturkritik propagierte Bild des „alternden Dichters“ Günter Eich zu revidieren, der seinen Platz in der Gegenwartsliteratur lediglich den Gedichten bis zum Band „Botschaften des Regens“ und den Hörspielen der fünfziger Jahre zu verdanken habe. Die Auswahl beweist, daß Eich im Spätwerk seine ästhetische Position konsequent weiterentwickelt und in seinen Texten auf aktuelle literarische Entwicklungstendenzen reagiert hat.

Eich greift zurück auf einige expressionistisch orientierte Gedichte, die er als Zwanzigjähriger 1927 in der von Klaus Mann und Willi Fehse herausgegebenen „Anthologie jüngster Lyrik“ veröffentlichte. Da heißt es im ersten Gedicht: „O ich bin von der Zeit angefressen und bin in gleicher / Langeweile vom zehnten bis zum achtzigsten Jahre. / Erst ist schön der Leib, Gesicht und Hände, / aber allmählich schmilzt das Fleisch / und die Knochen sind nur von Haut überzogen ...“ Von dieser weitausholenden lyrischen Geste ist in den berühmt gewordenen Nachkriegsversen – versammelt im Band „Abgelegene Gehöfte“ – nichts mehr zu spüren. Die Gedichte „Inventur“ und „Latrine“ (mit dem spektakulären Reimpaar „Hölderlin“ und „Urin“) galten nach 1945 als Signal für Sprachreinigung und poetischen Neubeginn. Mit den Gedichten des 1955 erschienenen Bandes „Botschaften des Regens“ verfolgte Eich das programmatisch geäußerte Ziel, Wirklichkeit durch Sprache zu gewinnen; er zeigte sich fasziniert von der Fiktion, im dichterischen Wort jene magische Sprache der Wort-Ding-Einheit zu erreichen, den „Urtext“ der Sprache, wie er ihn nannte, von dem man nur „Zeichen“, „Nachrichten“ und „Botschaften“ besitzt, im Wort reflektierte und versinnlichte Berührungspunkte – „trigonometrische Punkte“, wie sie im bekannten Gedichte „Der große Lübbe-See“ bezeichnet werden.