Von Ludwig Schulte

Nach dem Erfolg der letzten SALT-Runde ist die Frage nach dem Sinn der Abschreckungssysteme erneut aktuell. Denn Nixon wie Breschnjew fordern die Entwicklung neuer Waffensysteme, die von der SALT-Übereinkunft nicht betroffen sind. Somit dreht sich der Teufelskreis von Aktion und Reaktion, Waffen und Antiwaffen weiter. Dies ruft die Kritiker auf den Plan, die das gesamte System der Abschreckung für fragwürdig halten.

Zu diesen Kritikern gesellt sich erneut das Autorenteam des Max-Planck-Instituts zur Erforschung der Lebensbedingungen des wissenschaftlich-technischen Zeitalters, das unter Leitung von C. F. von Weizsäcker steht. Die Autoren haben die politischen Aussagen des umfangreichen Bandes „Kriegsfolgen und Kriegsverhütung“, den C. F. von Weizsäcker vor Jahresfrist herausgab, in Taschenbuchformat veröffentlicht:

Durch Kriegsverhütung zum Krieg? Die politischen Aussagen der Weizsäcker-Studie „Kriegsfolgen und Kriegsverhütung“. Herausgegeben von H. Afheldt/Ch. Potyka/Ob. Reich/Ph. Sonntag/C. F. v. Weizsäcker. Reihe Hanser 79, Carl Hanser Verlag, München 1972; 180 S., Paperback, 5,80 DM.

Ziel dieser Veröffentlichung ist ein Appell an die Öffentlichkeit, die in der Phase der Entspannung offenbar in einer allgemeinen Kritikmüdigkeit gegenüber der Militärpolitik befangen ist. Die Autoren wenden sich gegen die Euphorie über den beschleunigten Wandel des internationalen Kräftegleichgewichts; sie sehen keinen Anlaß, daß die gegenwärtig aufkeimende „Weltpolitik im Fünfeck“ Stabilität erzeugt, und sie warnen vor den Gefahren der Eigendynamik militärisch-strategischen Denkens ebenso wie vor der Eigengesetzlichkeit des Rüstungswettlaufs.

Die Autoren glauben, daß die verteidigungspolitische Realität den Realisten allmählich zu entgleiten droht. Geringfügige Korrekturen können das Problem nicht grundlegend verändern, sondern nur Änderungen der Gesamtstruktur der Außenpolitik. Weil die Öffentlichkeit scheinbar reichlich abgebrüht ist in der Vorstellung, daß die Kombination von Entspannung und Abschreckung den Frieden sichert, möchten die Autoren auf Fehlleistungen militärischer Strategien und deren Hintergründe hinweisen.

Das kritische Denken des Autorenteams kommt ohne Feindbild nicht aus. Die Buhmänner sind die Apologeten der Abschreckung und die „arms control-Enthusiasten“ und nicht zuletzt die „Militärexperten“. Diese „wirken de facto und wider Willen wie eine internationale Verschwörung zur tödlichen Gefährdung aller Länder“. Diese überzogene globale Kritik mindert nicht den Wert des Buches, der darin liegt, die Strategien in die öffentliche Diskussion hineinzutragen. Die Autoren haben recht, wenn sie die Meinung vertreten, daß Strategien immer noch zur Militärpolitik gehören und damit in die öffentliche Diskussion.