„Akrobat schöön“, von Charlie Rivel. Der Clown lebt in uns allen, und im weiten Rund der Manege deckt er alle Facetten des Menschenlebens auf. Das bist du – das bin ich.“ So einfach ist die elementare philosophische Basis, auf der sich die Kunst des Clowns José Andreu Lasserre, der sich Charlie Rivel nannte, entfaltet – groß genug, daß sich, darauf immerhin so etwas wie eine Jahrhundertfigur entwickeln korinte. Der 76jährige Spanier ist der letzte wirklich große Clown, ein hervorragender Artist mit einstmals respektablen akrobatischen Fähigkeiten, fleißig, zähe, mutig, phantasievoll, zu Reflexionen imstande, ein kluger, naiver, einfacher Mann mit einem großen Herzen. Man kann das alles ohne Arg seinen anrührenden Memoiren entnehmen, mit denen er sich übrigens ganz gewiß nicht nur zum Spaß den Literatur-Nobelpreis erhofft hatte. Gründe für dieses im Alter besonders ausgeprägte Bedürfnis nach Anerkennung offenbart freilich jedes Kapitel. „Ach ja, der Clown“, seufzt er, „ein jämmerlicher Stümper, ein Hampelmann, eine Vogelscheuche, immer als der Geringste unter den Geringen angesehen“, und registriert jedes Ereignis, das zur Eroberung seines Selbstbewußtseins beigetragen hat. So war das Leben des spanischen Artistensohnes, der vor Ruhm und Reichtum die Armut in vielen Nuancen durchgestanden hat, voller Debüts: „Das war mein erster Erfolg als Komiker“ – .. habe ich zum erstenmal erlebt, was es heißt, eine Illusion zu verlieren“ – „war es das erste Mal, daß ich meinen Willen durchsetzte“ – „versuchte ich zum erstenmal in meinem Leben, lange Hosen zu tragen“ – „... hatte zum erstenmal Geld in einer Bank liegen“. Treu vermerkt er alle seine Orden, genießt intensiv die Schmeichelei, „überall in Paris auf großen Plakaten den Namen Charlie Rivel“ zu lesen, kostet das Gefühl aus, es geschafft zu haben. Sein letzter Satz: „Ich wurde zum Clown, weil Gott mir diese Gnade geschenkt hat.“ Leser, denen die Tränen locker sitzen, kommen in dieser anmutig, gewandt und sehr spannend erzählten Autobiographie ziemlich oft in Bedrängnis. (Aus dem Dänischen von Friedrich Waschnitius; Franz Ehrenwirth Verlag, München; 264 S., Abb., 24,80 DM)

Manfred Sack

„Städte und Menschen“. Beiträge von Hilde Spiel. Ein reichhaltiges, vielleicht zu reichhaltiges Buch, das Hilde Spiel, die Wienerin, die zur Weltbürgerin wurde, vorlegt. Die Autorin selbst nennt die Auswahl aus dreißig Arbeitsjahren, die Essays und Porträts, die Kritiken und Kommentare einleitend „ein wenig willkürlich“ und nach „subjektiven Gesichtspunkten“ erfolgt. Die Beiträge blättern denn auch vor allem die Biographie dieses Berichterstatterlebens auf, zwischen den Kriegen, zwischen Grenzen und Nationen, Emigration und Remigration, Wiederkehr und erneutem Aufbruch. Noch heute, nach ihrer endgültigen Rückkehr nach Wien („Alles gemahnt an die Vergangenheit, alles rührt ans Herz“), schwirrt sie immer wieder aus, „Städte und Menschen“ zu erleben und zu beschreiben, nach London, Berlin, Rom und Paris. Das kleine Buch über die große weite Welt ist anspruchslos und gewichtig zugleich. Immer, wenn diese elegante und exakte Stilistin schreibt, klingen noch in den nebensächlichen Beobachtungen grundsätzliche Bemerkungen an. England und Österreich, London und Wien sind die Ziel- und Schwerpunkte der Reisenden und der Schreibenden. Die Menschen, die sie malte, die Porträts von Kortner und Olivier, von Doderer und Weigel entstanden nach langer Nahsicht und in großer Vertrautheit. Und dennoch ist die Herausgeberin Hilde Spiel diesmal nicht auf der Höhe der Schreiberin Hilde Spiel. Das ist schade. Denn wer seit Jahren ihre Zeitungsbeiträge liest, weiß, daß man aus dieser Fülle sogar mehrere homogenere Bände zusammenstellen könnte, als es hier gelungen ist. „Städte und Menschen“? Zwei Bücher von Hilde Spiel wären besser. Eines über „Städte“ und eines über „Menschen“. (Jugend und Volk Verlag, München; 167 S., 26,– DM)

Sabine Schultze

„Sprache und Attitüden“. Über den Einfluß der Bezeichnungen „Fremdarbeiter“ und „Gastarbeiter“ auf Einstellungen gegenüber ausländischen Arbeitern, von Peter Schönbach. Der Verderb der Sprache ist der Verderb des Menschen, glaubten 1945 jene erkannt zu haben, die dem faschistischen Unmenschen auf die Sprachschliche gekommen waren. Die Verdorbenheit seiner Nachfahren scheint sich nicht mehr so einfach zu erschließen – wofür Methode, Ergebnisse und Deutung dieser Studie aus dem Institut für Sozialforschung an der Universität Frankfurt zeugen –, gemessen wurde die Einstellung gegenüber ausländischen Arbeitern an Hand einer ausgeklügelten Kombination von frei zu beantwortenden Fragen. („Welche Personen meint man eigentlich, wenn man von Fremdarbeitern spricht?“) und Persönlichkeitsprofil-Tests. Das Persönlichkeitsprofil des „guten Freundes“, das von allen Befragten abgegeben wurde, diente als Bezugspunkt einer Skala, auf der nun die sogenannten „Distanzprofile“ für den Gastarbeiter und den Fremdarbeiter eingetragen werden konnten. Persönlichkeitsprofile des „Gastes“, des „Fremden“ und des „Arbeiters“ kontrollierten den möglichen Einfluß dieser Wort- und Vorstellungselemente auf die beiden Zentralbegriffe der Untersuchung. Als berechtigt erwies sich zwar die Grundannahme, daß der „Fremdarbeiter“ generell negativer beurteilt wird als der „Gastarbeiter“, einzelne Ergebnisse lassen am Wert dieser Aussage jedoch zweifeln: Testpersonen über 45 Jahre und mit Volksschulabschluß schätzten den Fremdarbeiter beispielsweise positiver (das heißt dem „guten Freund“ ähnlicher) ein als den Gastarbeiter; andererseits beurteilten Personen über 45 Jahre und mittleren Bildungsgrades den Fremdarbeiter weit negativer als jede andere Untergruppe. Schönbach stellt verschiedene Hypothesen zur Erklärung dieser unerwarteten Befunde auf (persönliche Erfahrungen im Arbeitsalltag, Kriegsreminiszenzen, Einwirkung der Komponenten „Fremd-“ und „Gast-“) und räumt sie ebenso gewissenhaft logelnd wieder beiseite. Übrig bleibt ein gut belegter Deutungsansatz, der auch praktische Konsequenzen zu ziehen erlaubt: Die mit abnehmendem Bildungsgrad allgemein zunehmend negativere Beurteilung ausländischer Arbeitnehmer geht auf Nationalitätenvorurteile zurück, die sich als dominante Assoziationen auf das Reizwort „Fremdarbeiter“ wie „Gastarbeiter“ einstellen. Statt aufwendiger Tauf-Wettbewerbe, die wirkungslose „Euro-Amigo“- oder „Auslandskumpel“-Schöpfungen zeitigen, scheinen allein Maßnahmen, den Bildungsstand der breiten Bevölkerung zu heben, erfolgversprechend, wenn man auch unausgesprochenen Vorurteilen begegnen will. (Verlag Hans Huber, Bern/Stuttgart; 186 S., Tabellen, 25,– DM)

Elena Schöfer