Paris, im Juli

Der Führungswechsel bei der ORTF, der staatlichen französischen Rundfunk- und Fernsehgesellschaft, hat die alte Spruchweisheit bestätigt, nach der zusammen mit dem Herzog auch der Mantel fällt. Der Herzog war in diesem Fall Premierminister Chaban-Delmas. Nach ihm fiel jetzt bei der ORTF der Mann, der am meisten dazu beigetragen hat, das französische Fernsehen in seinen journalistischen Beiträgen wieder glaubwürdig zu machen: Pierre Desgraupes, Direktor für die Informationssendungen im 1. Programm. Die Frage, ob Chaban-Delmas nicht zuletzt deshalb zurücktreten mußte, damit auch Desgraupes fallen konnte, ist nicht leicht zu beantworten. Jedenfalls stürzte der Premierminister, weil die konservativen Kräfte der gaullistischen UDR mit seiner liberalen Amtsführung unzufrieden waren, und dabei war ihnen vor allem Pierre Desgraupes ein Dorn im Auge. Desgraupes wußte, daß seinen Redaktionen soviel publizistischer Spielraum nur blieb, weil Chaban-Delmas ihn stützte.

Einer von denen, die laut und öffentlich sagten, daß ihnen der redaktionelle Eifer des 1. Programms zu weit gehe, war Arthur Conte, der neue Generaldirektor der Anstalt und seiner 14 000 Angestellten. Beim letzten Kongreß der gaullistischen Partei in Straßburg hatte er als UDR-Abgeordneter den Premierminister wegen seiner ORTF-Politik angegriffen. „Ich stelle mit Bedauern fest, daß sich die Regierung von allen Seiten angreifen läßt und selbst an keiner Stelle zum Angriff übergeht. Alte Freundschaft, die mich mit dem Premierminister verbindet, erlaubt es mir, mit allem Ernst zu sagen, daß das, was im allgemeinen gilt, für die ORTF im besonderen richtig ist: seine Loyalität wird dort nicht erwidert. Im Falle einer schweren Krise ist die Politik, die gegenwärtig bei der ORTF ohne die Kontrolle getrieben wird, die es geben müßte, ein sehr gefährliches Element.“ In Wahrheit waren die Freiheiten, die sich die ORTF-Redaktionen nahmen, durchaus im Rahmen einer ausgewogenen Information geblieben.

Das neue Statut der Sendeanstalt, das in der letzten Sitzung des Parlaments vor den Sommerferien verabschiedet wurde, setzt nun dem Informationsdirektor wieder einen Programmdirektor vor die Nase. Unter diesen Umständen zog Desgraupes es vor, seinen Vertrag nicht zu verlängern. Er bleibt dem Hause jedoch als Mitgestalter großer Sendungen aus dem medizinischen Bereich und Autor anderer Reportagen erhalten. So kann der neue Generaldirektor sagen, niemand sei entlassen worden.

Die neue Programm- und Verwaltungsstruktur des staatlichen französischen Rundfunks und Fernsehens bringt gegenüber dem früheren Stand freilich auch manchen Fortschritt. So sind der Generaldirektor und seine Direktoren für wenigstens drei Jahre ihres Amtes sicher. Sie genießen mehr Autonomie und Eigenverantwortung als ihre Vorgänger. Dafür leistet Conte als Chef dem Staatspräsidenten die Gewähr für die Berücksichtigung seiner Interessen. Im Elysee-Palast war es nicht gern gesehen worden, daß bisher der Premierminister mit der wichtigsten Informationsquelle unmittelbare Beziehungen – wenn auch in Form eines langen Zügels – unterhielt.

Es wäre jedoch falsch zu glauben, die ORTF sei nun wieder auf die Funktion eines bloßen Regierungsorgans wie seinerzeit unter de Gaulle reduziert. So leicht läßt sich die nach dem Mai 1968 eingetretene Wandlung nicht rückgängig machen, und so einfach denkt sich ganz sicher auch ein Mann wie Pompidou die Sache nicht. Zur Direktorin des 1. Programms wurde Jacqueline Baudrier ernannt, der bisher die Informationsabteilungen des 2. Programms unterstanden. Dort wurde die Arbeit nicht grundsätzlich anders als bei Pierre Desgraupes betrieben, allerdings mit einem Schuß mehr Wohlwollen gegenüber der Regierung. Auch Arthur Conte selbst ist nicht etwa ein alter Gaullist; er war vielmehr jahrelang, ehe er seiner Wählerschaft ins gaullistische Lager folgte, sozialistischer Abgeordneter. Er hat einige Erfolge mit Büchern gehabt. Selbst einer seiner Kritiker meinte jetzt: „Ganz wird er nicht vergessen haben, daß er jahrelang die Internationale sang.“

Conte wird nun mit Sicherheit einige der Redakteure, die im Mai 1968 die ORTF verließen, zurückholen. Dennoch wird er nie seine Hauptaufgabe vergessen: Pompidou die nächsten Wahlen gewinnen zu helfen. Ernst Weisenfeld