In den Niederlanden verbotene Weizenkleie wird in die Bundesrepublik umgeleitet

Lutz H. Kernberger, Herausgeber des Landwirtschafts-Nachrichtendienstes „Agra Europe“, wunderte sich wochenlang über den Rückgang der Preise für Weizenkleie und suchte dann nach Spuren. Was Kernberger schließlich fand, war höchst alarmierend, denn es war Gift: Hexachlor-Benzen (HCB).

Vor Wochen schon waren die Preise für Mühlenprodukte gefallen – offenbar als Folge eines holländischen Verbots für die Einfuhr und Verwendung des aus Argentinien stammenden Kleie-Produkts Plata-Pollard-Pellets. Die argentinischen Kleieprodukte waren vorher in großen Mengen nach Holland eingeführt worden, wo sie als billiges Schweinefutter Verwendung fanden. Die Kleie enthielt Rückstände von Hexachlor-Benzen.

Auf dem Umweg über Hollands Schweinetröge kam das Gift, das zur Schädlingsbekämpfung (vor allem gegen den Schimmelpilz) eingesetzt wird, nach Amerika, und zwar in Form von holländischem Dosenschinken. US-Fleischkontrolleure fanden die giftigen Rückstände in dem Dosenschinken und schlugen Alarm. Jede Sendung aus Holland wurde strenger Prüfung unterzogen und nach Bedarf aus dem Verkehr gezogen. Dies wiederum alarmierte Hollands Exporteure und die amtlichen Stellen. Denn Holland fürchtete nun den Verlust seiner amerikanischen Schinkenkunden. Kurz danach wurde deshalb das billige Futter aus Argentinien Hollands Schweinen strikt verboten.

Was für die Amerikaner nicht gut genug war, scheint für Europas Fleischverbraucher indes gerade recht zu sein. Die Restbestände an niederländischem Dosenschinken wurden ebenso wie die Futtermittel in Hollands EWG-Nachbarländer umdirigiert. Nach den Recherchen des Informationsdienstes „Agra Europe“ sind die deutschen Futtermittelhersteller über die argentinischen Produkte ebenfalls nicht begeistert. Sie sollen „den Argentiniern geraten haben, diese Futtermittel nach Ostasien zu verkaufen“. Ob dies ein zynischer Hinweis auf die Überbevölkerung Asiens ist oder nur damit zusammenhängt, daß die Asiaten weniger fettleibig sind als die Europäer und daher keine große Gefahr laufen, daß sich das Depotgift in ihren Körpern speichert, war nicht zu klären. Der „Hamburger Fachverband der Futtermittelindustrie“ jedenfalls findet den Vorfall stark übertrieben: „Das mit dem Gift ist wieder so eine Sache, die recht hochgespielt wurde. Diesmal von den Amerikanern.“

Der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Freiherr von Heereman, hielt die Angelegenheit allerdings für wichtig genug, um in Fernschreiben an das Gesundheitsministerium und das Landwirtschaftsministerium für ein Verbot dieser Stoffe zu appellieren.

Die Furcht wird überdies noch größer dadurch, daß die europäischen Lebensmittelkontrolleure anders als ihre US-Kollegen im Ruf stehen, eher Nacht- als Gesundheitswächter zu sein. Im Bonner Landwirtschaftsministerium hat man bis vor kurzem auch geschlafen. Obwohl es zu den Aufgaben seiner Beamten gehört, Marktvorgänge bei den EWG-Nachbarn zu verfolgen, bedurfte es erst der Nachforschungen von „Agra Europe“, ehe Bonn reagierte.