ZDF, Freitag, 21. Juli: „Ferdinand Lassalle“, von Georg Marischka

Nein, schlechter geht es nicht. Es wäre eine Beleidigung für die Verfasser von Geschichts-Reportagen, wenn man das Dokumentarspiel Ferdinand Lassalle als „Schulfunk“ verwürfe: – Kein Schulfunk-Autor, der auf sich hält, würde, in Georg Marischkas Manier, Personen auftreten lassen, deren einzige Funktion darin besteht, mit ihren Zungen statistisches Material zu verzetteln.

Es würde eine Kränkung redlicher Dokumentaristen bedeuten, wenn man die „Dokumentation“ des Falles Lassalle in einem Atemzug mit ihren Bemühungen aufführen würde: So liederlich geht kein Dokumentarist, der sich als ehrenwerter Handwerker ausweisen möchte, mit seinem Material um. Lassalle... ein Ferdinand von Friedrich Schiller! Der Mann, der es liebte, die Wissenschaftlichkeit seiner Darbietungen zu unterstreichen, und sich mit Vorliebe an den Verstand seiner Zuhörer wandte (im Advokaten-Stil: aus dem Gerichtssaal wurde ein kleines Theater; Diener schleppten Bücher herbei; auf einem Tischchen stapelten sich die Broschüren)... dieser Intellektuelle, der Mirabeau sein wollte (aber Heine meinte, dafür sei er nicht pockennarbig genug), wurde, im ZDF-Spiel, zu einem Provinz-Deklamator. Kinski zog in Memmingen ein. (Und dann Marx... eine Bombenrolle für Striese: wie der das Wort Heraklit originalgetreu gräzisierte, und das noch mit falscher Betonung!)

Es wäre ein Affront gegen die Damen Courths-Mahler und Marlitt, wenn man die aus Zitaten zusammengestückelten Dialoge des Stücks in eine Verbindung mit jenen anmutigen Gesprächen brächte, die ihre Romane auszeichnen. Da haben die beiden Guten den Schillerschen Seelenkampf, in Luisens Busen und Ferdinands Brust, denn doch glaubhafter in neue Worte gefaßt als der zitierende Verfasser des Lassalle-Dramoletts! (Helene: Erwarte nicht zu viel von mir, Ferdinand. Ferdinand: Wir haben uns zurückzuhalten vermocht, so schwer es auch fiel.)

Es wäre, schließlich, eine Verhöhnung ehrenwerter Dilettanten, wenn man die Schludrigkeit, mit der hier, sinnlos zerstückelt, Teile einer Lassalle-Diskussion in das Spiel eingefügt wurden, als Dilettantismus durchgehen ließe. Da redeten Kogon und Thilo Ramm, Frolinde Balser und Helmut Schmidt im Pop-Stil; da ging einer auf den anderen ein, obwohl der andere vorher gar nichts gesagt hatte; da wurde auf Witze verwiesen, die überhaupt nicht erzählt worden waren. Lassalle jedenfalls, der auf der einen Seite von einer jakobinisch-plebiszitären Demokratie träumte und dem -bürgerlichen Parlamentarismus mißtraute und auf der anderen Seite einen „königlich-preußischen Regierungssozialismus“ vertrat ... Lassalle blieb bei dieser Disku-Doku-Klitterei auf der Strecke... wobei zur Ehre der Debattanten gesagt sein muß, daß sie zumindest schauspielerisch überzeugten.

Sagen wir es ungeschminkt: Wer ein Machwerk wie den „Lassalle“ abnimmt, ein Schundstück, das schon technisch nicht dem bescheidensten Anspruch genügt, handelt nach der Devise: „Was wollen Sie denn? Es kommt ja eh nicht darauf an. Wir wissen schließlich, daß die Plebs am Bildschirm alles frißt.“ Momos