Von Rosemarie Fiedler-Winter

Wenn ein wohlinformierter bundesdeutscher Manager den Namen Bad Harzburg hört, dann denkt er weniger an geruhsame Spaziergänge als an Netzpläne und graphische Pyramiden. Schuld daran ist das Harzburger Modell, ein viel genanntes Hilfsmittel für die Führungstechnik in Organisationen aller Art – vom Versicherungsbüro bis zum Stahlkonzern.

Seit einigen Monaten wird dieses Modell wieder einmal heiß diskutiert. Kritiker werfen ihm vor allem vor, es sei zu autoritär und vor allem zu starr. Zudem hat das Harzburger Modell Konkurrenz bekommen: Beim 3. Internationalen Managementkongreß in St. Gallen stellte der Wirtschaftsprofessor Hans Ulrich ein System vor, das dem Vorläufer aus dem Harz einen harten Wettbewerb liefern soll.

An der Führungsakademie der Volkswirtschaftlichen Gesellschaft in Bad Harzburg wurde vor 15 Jahren die „Führung im Mitarbeiterverhältnis durch Delegation und Erfolgskontrolle“ entwickelt. Das heißt zum Beispiel: Wenn der Chef seiner Sekretärin einen Auftrag gibt, übernimmt sie für ihn diese Arbeit. Er hat sie delegiert. Ob sie die ihr übertragene Aufgabe dann aber auch richtig ausführt, das zu kontrollieren ist nach wie vor die Sache des Chefs. Denn er bleibt dafür verantwortlich, daß der Auftrag erledigt wird.

Mit Hilfe von Stellenbeschreibungen werden die Tätigkeiten in großen Organisationen (also auch Unternehmen) so überschaubar gemacht, daß jeder weiß, was er zu tun und zu lassen hat, wofür er Verantwortung trägt und wofür er sie weitergibt. Dieses System wirkte für viele Unternehmen in der Bundesrepublik bahnbrechend.

Zum Vorwurf wird ihm heute seine Abhängigkeit von einer streng gegliederten Firmenhierarchie gemacht. Man bezeichnete das Modell als zu unbeweglich, weil es für jede Arbeitskraft genaue Richtlinien voraussetzt. Aber es gab fast nichts Vergleichbares. Das Harzburger Führungssystem, vor 15 Jahren praktisch im Sandkasten aufgebaut, erntete internationale Anerkennung. Neue Ideen ähnlicher Art hatten weniger Echo in den Manageretagen.

Doch dem St. Galler Professor Hans Ulrich und seinen Betriebswirtschaftsstudenten ist die Harzburger Lehre zu eng, zu geschlossen. Sie beschränkt sich im wesentlichen auf führungstechnische Anweisungen. Sie wollen dem Management à la Harzburg ein „offenes Modell“ entgegensetzen.