Auch wenn drei Autoren etwa aus derselben, politischen Richtung zu einem Thema sprechen, kann sehr Unterschiedliches herauskommen. Und dies gar nicht einmal, weil die Qualität der Autoren sehr stark differierte, sondern vornehmlich deshalb, weil sie verschiedenen Jahrgängen angehören. Die Geschichte läuft heute sehr schnell. Es geht um:

Martin Greiffenhagen, Reinhard Kühnl, Johann Baptist Müller, „Totalitarismus. Zur Problematik eines politischen Begriffs“, List Verlag, München 1972, Taschenbücher der Wissenschaft, Politik, Band 1556, 156 S., 4,80 DM.

Der Älteste – Greiffenhagen (1928) – rühmlich bekannt geworden durch sein Konservatismus-Werk, hat einen Teil der NS-Zeit noch bewußt miterlebt. Er ist zudem als Wissenschaftler durch die Schule des objektiven, nicht parteilichen Denkens gegangen. R. Kühnl (1936) war 1945 noch Pimpf. Er scheint in politischen Fragen eine vorgefaßte Meinung zu haben und sucht – unter Verwendung eines unscharfen Demokratie- und Sozialismusbegriffs – nach einer hinlänglichen Begründung für seinen Standpunkt. Zwischen beiden steht, seiner Entwicklung und den sich aus ihr ergebenden Möglichkeiten nach, J. B. Müller (1932). Ein sehr ungleiches Trio also – und die Jüngeren fahren nicht glücklich dabei.

Greiffenhagen sucht voller Skepsis, mit einem Rückgriff auf historische Wurzeln, klarzumachen, was Totalitarismus überhaupt sein könnte. Trägt der Begriff, wenn es ihn zu fassen gelingt, überhaupt viel aus? Läßt er sich auf bekanntes System voll anwenden? Ist er vielleicht, wenn irgendwo anwendbar, nur ein Zwischenspiel? Haben wir genügend Abstand, darüber zu urteilen, ob Nationalsozialismus oder stalinistischer Kommunismus totalitär waren (sind)? – Greif fenhagens vorsichtiges Fazit: wenn Totalitarismus die zwanghafte, gewaltverbundene Erfassung und Revolutionierung der Gänze des staatlichen, gesellschaftlichen und individuellen Lebens bedeutet, so war der Nationalsozialismus weniger totalitär als autoritär, und nur der stalinistische Kommunismus war (ist) zeitweise totalitär (nämlich in der – sich eventuell lang hinziehenden – Phase der Diktatur des Proletariats).

Die jüngeren Autoren, besonders Kühnl, gehen über diese und andere Bedenken leicht hinweg. Schon die Klischeebezeichnung „Faschismus“ für alle rechtsautoritären Regime verkennt die beachtlichen qualitativen Unterschiede etwa zwischen italienischem Faschismus und deutschem Nationalsozialismus. Kühn wird behauptet, die Totalitarismustheorie, wonach Nationalsozialismus (Faschismus) und Kommunismus „wesensgleich“ oder „identisch“ seien, habe sich nach 1945 für lange Zeit durchgesetzt. Und auf Grund dieser Behauptung wird lange Seiten hindurch (besonders bei Müller) etwas zu beweisen gesucht, was eines Beweises gar nicht bedarf: nämlich daß die verschiedenen Arten von Faschismus und Kommunismus starke inhaltliche Unterschiede, trotz Ähnlichkeiten in der Methode, aufweisen. Mit Recht hat Greiffenhagen in früheren Schriften darauf hingewiesen, daß der Marxismus-Leninismus jedenfalls ein in sich logisches Gedankengebäude darstelle, während die nationalsozialistische Weltanschauung ein Konglomerat von Gedankenfetzen gewesen sei.

Verzweifelt suchen Kühnl und Müller dem Vorwurf zu begegnen, kapitalistische und sozialistische Gesellschaften könnten gleichermaßen totalitär sein, indem sie behaupten, man könne nicht vom (besseren) sozialen Inhalt der sozialistischen Systeme abstrahieren. Aber heiligt denn der Inhalt die Mittel? Und sollte man nicht, um gedankliche Klarheit zu erreichen, erst einmal davon ausgehen, daß „Totalitarismus“ eben „wenig austrägt“ und ein rein methodischer Begriff ist? Mit den Mitteln des Totalitarismus (Ideologie, Staatspartei, terroristische Geheimpolizei, Nachrichtenmonopol, Waffenmonopol, zentral gelenkte Wirtschaft –, so nach C. J. Friedrich) kann man vielerlei Ziele verfolgen. Die einzige Frage bleibt immer, ob sich die damit verbundenen Leiden lohnen.

Kühnl und Müller unterliegen auch dem Fehler, zu viel aus den wenigen Jahren nationalsozialistischer Herrschaft über dessen Wesen und letzte Absichten aussagen zu wollen. „Normale“ Regierungszeit waren allenfalls die Jahre 1934 (2. Hälfte) bis 1937. Vorher lag ein Stadium des Sicheinrichtens und der Sicherung, danach eines der direkten Kriegsvorbereitung und des Krieges. Auch Lenin hat seine taktischen Phasen gehabt. Hätte aus irgendwelchen Gründen das Experiment des sowjetischen Sozialismus etwa im Stadium der NEP abgebrochen werden müssen, wäre es heute auch sehr schwer, dieses Experiment „einzuordnen“.