Von Adolf Metzner

Wenn die alte Theaterregel: schwache Generalprobe – starke Premiere, auch für den Sport gelten würde, könnten die „Olympiamacher“ jetzt getrost in den weißblauen bayerischen Himmel schauen. Aber Willi Daume, den die olympische Roßkur bisher geradezu verjüngte, blickte manchmal etwas sorgenvoll.

Bei den 72. Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften, dem vorolympischen Test im Olympiastadion, häuften sich nämlich die Pannen. Das begann schon mit einem verschlossenen Tor an einer der Fußgängerbrücken. Da kein Schlüssel zu finden war, mußte die Polizei das Schloß knacken. Dann gab’s Krach mit der Presse. Die Journalisten fühlten sich in ein Getto gesperrt. Man wollte sie von den Athleten fernhalten. Ziemlich sture Ordner ließen für die Spiele Böses ahnen. Der Führung des Deutschen Leichtathletik Verbandes wurde ein „gestörtes Verhältnis zur Presse“ vorgeworfen. Die Programme waren zum Teil falsch geheftet, der Zeitplan wurde dann nicht eingehalten, was oft zu langen Wartezeiten für die Athleten in brütender Hitze führte und auch auf den Ergebnisblättern für die Journalisten gab’s Fehler.

Der vielgerühmte Computer versagte ausgerechnet als der neue Münchner Oberbürgermeister ihn befragte. Später kam wieder Ordnung ins Elektronengehirn. Eine knifflige Frage aus der olympischen Geschichte der Leichtathletik, die ich ihm stellte, beantwortete „Golym“ korrekt. Das vielbesprochene Olympiadach: Sein Acrylfiligran kontrastiert mit dem klobigen Haltesystem. Unerwünschte Windströmungen sind vielleicht eine Folge der bizarren Riesensegel des Daches, sicher ist das nicht. Das Flutlicht mit seinen 1200 Lux gereicht zwar den Farbfernsehkameras zum Vorteil, aber nicht dem menschlichen Auge, für das diese Helligkeit zu hoch liegt. Die Laufbahn aus Rekortan, einem deutschen synthetischen Produkt, war ebenso wie die Anlaufbahnen nach Aussagen der Athleten zu weich. Nach erheblichen Schwierigkeiten zu Beginn funktionierte die elektronische Datenanzeige auf zwei „Belsazars“ dann doch noch passabel. Daß die Hitzestrahlung wie in einem Brennglas gebündelt würde und durch das Dach eine Dunstglocke entstehen soll, kann ich mir allerdings nur schwer vorstellen.

Einem Teil des Publikums, das im Gros sachverständig war, paßte der betonte Gleichschritt und die große Zahl der ein- und ausmarschierenden Kampfrichter nicht. Auf das militärische Relikt könnte wirklich verzichtet werden, aber wohl nicht auf die zahlreichen Beobachter, die nun einmal nötig sind, wenn es auch nicht gleich 18, wie beim Weitsprung allein, zu sein brauchen. Sehr gute Arbeit leisteten die Bundeswehrsoldaten als Helfer – insgesamt sind es 22 000 – über die man wirklich nur Lobenswertes hörte. Sie hatten die Uniformröcke abgelegt und wirkten recht zivil. Lob verdient auch das Starterteam, das unter Buthe-Piepers Leitung olympisches Format aufwies. Wer weiß, daß 1928 in Amsterdam eine Katastrophe nahe war als zwei Starter völlig versagten, wird dies zu würdigen wissen.

Ein Vorfall verdient noch Kritik: Die Verlegung des 10 000-Meter-Laufes von 19 auf 22 Uhr. Wir haben auf dieser Seite früher wiederholt dafür plädiert, Ausdauerübungen nicht in der prallen Sonnenhitze durchzuführen, um Zusammenbrüche zu vermeiden. Aber dieser Forderung war ja bereits im Zeitplan Rechnung getragen worden. Von einem der Stadionsprecher wurde etwas verklausuliert von einer ärztlichen Anweisung gesprochen. Tatsächlich hatte man aber Prof. Keul, der die sportärztliche Aufsicht führte, ebenso wie Willi Daume, der doch als Hausherr fungiert, nicht gefragt. Der Verdacht bleibt bestehen, daß entscheidend für diese unnötige Verlegung, die das Publikum verärgerte, die Absicht war, den Lauf noch „live“ in die aktuelle Sportschau des Zweiten Deutschen Fernsehens zu schmuggeln. Um 19 Uhr war die Temperatur im Stadion bereits soweit abgesunken, wenn auch die Luftfeuchtigkeit noch relativ hoch war, daß der Lauf ohne weiteres hätte rechtzeitig stattfinden können. Die Langstreckler sind ja Asketen und mußten nun zu einer Uhrzeit eine Höchstleistung vollbringen, zu der sie sonst schon Schlafengehen.

Und nun die Hauptakteure, die Athleten. Götter des Stadions waren nicht erschienen, dafür eine Göttin und mehrere Halbgötter. Einer davon war Karl Honz, von dem wir nach dem Länderkampf in Augsburg gegen die Russen schrieben, daß er noch wesentlich schneller laufen kann als 45,7 sek. Das angebliche Anfangstempo von 20,8 sek für die ersten 200 Meter dürfte aber nicht stimmen. Kraftvoll stürmte der Stuttgarter in die Zielgerade und gewann souverän in 44,7 sek, was neuen Europarekord bedeutet. In der Weltrangliste stehen allerdings noch vier Amerikaner vor ihm (mit 44,1 – 44,2 – 44,3 – 44,6 sek), so daß Überlegungen angestellt werden, Honz im Einzelrennen bei der Olympiade zu schonen und nur in der 4 x 400 m Staffel einzusetzen, die sich berechtigte Hoffnungen auf die Silbermedaille hinter dem unschlagbaren Quartett der Yankees machen. Ob die drei Amerikaner alle in Höchstform in München an den Start gehen werden, darf bezweifelt werden. Honz hat deshalb eine Medaillenchance. Außerdem wurde in Eugene (Oregon), wo die drei ihre Fabelzeiten liefen, um das Durcheinander in der Zeitmessung vollkommen zu machen, ein System angewandt, das Handzeitmessung mit elektronischer Messung kombiniert. Das bedeutet aber, daß zu den Zeiten der farbigen Amerikaner noch etwa 2/10 sek addiert werden müssen. Außerdem dürfte die Bahn in Eugene schneller als die Olympiabahn in München gewesen sein. Wenn ich Honz wäre, würde ich im Einzellauf und in der Staffel starten. Das olympische Glück lächelt den Läufern der kürzeren Strecken nur einmal. Die Gefahr des „Verheizens“, von der gesprochen wurde, ist bei einem solch bärenstarken Mann doch wohl gering.