Von Richard Nixon weiß man, daß er John Wayne schätzt und sich dessen Film „Chisum“ im Weißen Haus vorführen ließ. „Duke“ Wayne, Vietnam-Propagandist und reaktionärer Apologet einer mythisch stilisierten law-and-order-Moral, repräsentiert noch immer wie kaum ein anderer jenes gestrige Amerika, das durch hartnäckige Vernunft zu erneuern der demokratische Senator George McGovern ausgezogen ist.

Jenen Geist der Erneuerung, der in McGoverns Kampagne als bündiges Amalgam von pragmatischen Traditionen und visionärem Realismus erscheint, spiegelt jetzt ein neuer Western wider. Der Film heißt „The Culpepper Cattle Co.“ (deutscher Verleihtitel: „Greenhorn“) und bringt das bemerkenswerte Kunststück fertig, den Filmklassiker „Red River“ und Charles Reichs Buch „The Greening of America“ auf einen Nenner zu bringen, Klassik und Utopie miteinander zu versöhnen.

„The Culpepper Cattle Co.“ ist der erste Spielfilm des einstigen „Vogue“- und „Esquire“-Photographen Dick Richards. Er erzählt von den Lehr- und Wanderjahren eines sechzehnjährigen Jungen aus der texanischen Provinz, der sich kurz nach dem Bürgerkrieg einem riesigen Viehtreck nach Colorado anschließt. Ben (Gary Grimes, der Junge aus Mulligans „Sommer 42“) wird vom Herdenboß als „Little Mary“, als Küchenjunge eingestellt, erlebt mannigfaltige Abenteuer und Gefahren, begegnet dem Tod und einer häßlichen Hure und reift schließlich zu einem Mann, der bewußte Entscheidungen trifft.

Die Geschichte bezieht sich auf eins der klassischen Western-Muster, erinnert immer wieder an schen River“ von Howard Hawks, „Wagonmaster“ von John Ford und „Cowboy“ von Delmer Daves; sie folgt jener epischen „Go-West-Young-Man“ Struktur, die französische Kritiker den Western einst als homerisches Genre definieren ließ. Und Richards erzählt sie auch mit dem optischen Vokabular der Klassiker. Seine Einstellungen sind einfach, klar und sehr genau, besitzen nichts von jener forcierten Armut der „grauen“ Spätwestern, vermeiden aber gleichzeitig auch den modischen Ästhetizismus eines Peter Fonda in „Der weite Ritt“.

Doch Richards bleibt nicht bei der Kopie stehen, sondern überwindet die Position der klassizistischen Epigonen vom Schlage eines Andrew V. McLaglen („Der Weg nach Westen“). Er kombiniert seine unmittelbar von Hawks und Ford beeinflußten Bilder mit einer sehr modernen „offenen“ Erzählweise, die Imagination und Intelligenz des Betrachters aktiv einbezieht. Richards baut auf die Western-Erfahrung der Zuschauer, läßt viele aus unzähligen anderen Filmen bekannte Aktionen elliptisch aus, komprimiert genretypische Handlungsteile wie einen Pferdediebstahl, einen nächtlichen Überfall oder eine Schießerei im Saloon zu kurzen Andeutungen, deren Ergänzung der Phantasie und Spielbereitschaft des Betrachters überlassen bleibt. Auch der ökonomisch eingesetzte Dialog besteht häufig nur aus knappen Bemerkungen und lakonischen Nebensätzen, die sich erst im Kopf des Zuschauers zu einer Handlung, einer Idee, einer Emotion zusammensetzen.

Die vollendet gelungene Balance von traditionell-visueller Schönheit und emanzipatorischvisueller Rhetorik verschafft dem Film eine sehr eigenartige, höchst originelle Atmosphäre, die Nostalgie und Vision, Romantik und Realismus, gewalttätige Legende und pazifistischen Traum ganz selbstverständlich miteinander verbindet. Es ist der beste Western seit Jahren.

Die Komplexität setzt sich bis in den Inhalt fort. Am Ende verläßt der junge Ben Frank Culpepper und seine Cowboys, um einer bedrängten Mormonengruppe gegen einen erpresserischen Weidenkönig beizustehen. Doch als der blutige Kampf vorüber und der Feind besiegt ist, ziehen die Mormonen weiter und weigern sich, Bens gefallene Mitstreiter zu begraben. Angewidert wirft der Junge seinen Revolver fort, nicht als sentimentale Geste, sondern als rationale Entscheidung. Der Kampf war umsonst, Ben reitet zurück zu den Cowboys, die als nüchterne Professionals ohne autoritäre Vaterfigur und ohne reaktionäres Gerede hier das bessere Amerika verkörpern. Hans C. Blumenberg