Während in den Münchner Tageszeitungen über die Anzeigenspalten Vermischtes ein schwunghafter Schwarzhandel mit Olympia-Eintrittskarten blüht, ergab eine Zwischenzählung Mitte Juli: 25 Prozent aller Eintrittskarten wurden noch nicht verkauft. Das sind 800 000 Karten! Auf den ersten Blick ist das eine überraschend große Zahl, aber die Olympia-Organisatoren sind dennoch mit dem bisherigen Absatz zufrieden: „In Tokio und Mexiko lag der Prozentsatz verkaufter Karten niedriger.“

Ausverkauft sind natürlich Eröffnungs- und Schlußfeier sowie sämtliche Endkämpfe. Letztere notieren auf dem Schwarzmarkt derzeit mit vierhundert Prozent über Normal‚ wie es die Händler formulieren, die sich unter den in den Inseraten angegebenen Telephonnummern melden. Firmen zahlen für die Eröffnungs- und Schlußfeier inzwischen 500 bis 600 Mark pro Sitzplatz. „Wenn ausländische Geschäftspartner uns jetzt um Karten für Endkämpfe bitten, müssen wir jede Preisforderung akzeptieren“, berichtet der Leiter einer jener Firmenpressestellen, die von ihrer Geschäftsleitung beauftragt wurden, das Feilschen mit den Schwarzhändlern zu übernehmen.

Wie viele der noch vorrätigen Karten zum Betreten des eigentlichen Olympiageländes berechtigen, also für die rund um den Olympiaturm liegenden Sportstätten bestimmt sind, kann die Sprecherin des Amtlichen Bayerischen Reisebüros, Viktoria Neumüller, nicht genau sagen. „Es sind durchweg Karten für Vorrundenkämpfe und vorwiegend Stehplätze“, meint sie. „Man muß aber bedenken, daß die besten Sportler aus aller Welt in München antreten und daß damit auch Vorentscheidungen erstklassige sportliche Leistungen zeigen können.“ Vielen Besuchern komme es doch nur darauf an, in das für Nichtberechtigte streng abgesperrte Olympiagelände einmal hereinzuschauen und „olympische Luft zu schnuppern“. Dafür reiche doch wohl auch eine Vormittagskarte für eine Vorrundenveranstaltung aus.

Die Mehrzahl der noch nicht verkauften Karten gehören jedoch nicht zum Olympiagelände, sondern zu den außerhalb stattfindenden Fußballvorrundenspielen, zu den Schießwettbewerben in Hochbrück, den Kanuwettkämpfen in Augsburg oder zur Ruderstrecke in Feldmoching. Seit Anfang Juli hat aber der Kartenverkauf auch für diese Veranstaltungen zugenommen. Zahlreiche Berechtigte, die schon vor Monaten bei den verschiedenen Verkaufs- und Verlosungsaktionen zu Karten kamen, buchen in diesen Tagen beim Umtausch ihrer Gutscheine in Originalbilletts zusätzliche Plätze. Viktoria Neumüller: „Viele Berechtigte stellen am Schalter fest, daß sie ihre Kartensammlung noch konplettieren können, und da greifen sie natürlich zu.“

Zugegriffen haben auch noch zwei Reiseveranstalter, die gut-reisen und Fahr-mit (Deutsche Gesellschaft für internationalen Jugendaustausch), gut ist inzwischen schon wieder ausverkauft. Fahr-mit (53 Bonn 1, Postfach, Telephon 0 22 21/65 69 01 bietet Jugendlichen von 16 bis 25 Jahren ein Pauschalarrangement für 231 Mark an, das einen Aufenthalt im (ebenfalls nicht ausgebuchten) Jugendzeltlager, drei Eintrittskarten, Halbpension, sowie Ausflugsfahrten in die Umgebung Münchens einschließt.

Schwierig ist es für Nicht-Münchner, an die noch nicht verkauften Eintrittskarten heranzukommen. Vom 1. August an werden diese nämlich nur noch in München bei persönlicher Vorsprache (keine Annahme schriftlicher oder telephonischer Anforderungen) im Olympia-Informationszentrum hinter dem Rathaus am Marienplatz verkauft. Hier kann es allerdings Gedränge geben, denn vom 1. August an müssen in diesem Büro auch zusätzlich alle Ausländer vorsprechen, die irgendwo in der Welt Berechtigungsscheine erworben haben, um die Originalkarten einzutauschen.

Beim Amtlichen Bayerischen Reisebüro schließt man nicht aus, daß auch kurz vor Beginn der Spiele und an den Tageskassen der einzelnen Austragungsorte noch Karten verkauft werden können. Wer also während der Spiele auf gut Glück nach München kommt, hat reelle Chancen, beim Sport-Spektakel zumindest auf einem billigen Platz zeitweise dabei zu sein. Armin Ganser