Von Egbert Hoehl

Ein Buch mit Unbehagen zu lesen oder gar die Lektüre verärgert abzubrechen: das ergibt einen Sinn, weil ja beides wahrscheinlich nicht ohne guten Grund geschieht. Ratlosigkeit hingegen bewirkt zunächst einmal grundlose Unzufriedenheit. Und das ist ein schlimmer Zustand, insbesondere für den Leser, der sich einschüchtern läßt und mit seinem Intelligenz-Quotienten hadert. Also grübelt er weiter über den Texten eines jungen Schweizer Lehrers –

E. Y. Meyer: „Ein Reisender in Sachen Umsturz“, Erzählungen; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 126 S., 10,– DM.

Auf dem Buchdeckel heißt es, der Autor beschreibe „unscheinbare Situationen, in denen sich Personen durch Krankheit, durch einen verlassenen Ort oder durch einen einsamen Weg etwas außerhalb der alltäglichen Vertrautheit bewegen. Diese minimale Abweichung genügt, und das Gewohnte wird bedrohlich, gefahrvoll...“.

Von den sieben Geschichten des Bandes führt indessen nur eine an die Dimension des Unheimlichen heran: „Dünnerwerdende Äste.“ Rätselhaftes ereignet sich in einem gewöhnlichen Bus der Städtischen Verkehrsbetriebe. In einsamer Gebirgslandschaft lassen sich vier Fahrgäste absetzen, unter ihnen eine Frau, die mit ihrer Pistole anscheinend sinnlose Schießübungen veranstaltet, bis es zur Katastrophe kommt. Die Erde bebt, und das Gestein des auseinanderbrechenden Berges erschlägt die Gruppe. Das kann als Parabel gedeutet werden. Die Assoziation „atomare Katastrophe“ drängt sich auf, aber vielleicht verfällt man damit doch nur wieder in konventionelle Lesegewohnheiten und mißversteht den Autor. Das ist keineswegs ironisch gemeint, denn die anderen Geschichten unterscheiden sich von dieser einmal durch die fast schon absolute Statik der beschriebenen Situation, zum anderen durch die formale Gewaltsamkeit, die sich in der eigensinnigen (nicht eigenwilligen) Syntax bekundet. Zwar liest man sich auch in „Dünnerwerdende Äste“ nur mit Mühe ein, weil das Satzgeflecht die ohnehin spröde Exposition nahezu erdrückt. Aber aus der Beschreibung kristallisiert sich dann doch die Erzählung heraus. Ein phantastisches Element aktiviert die Aufmerksamkeit, und auch die Sprache wird flexibler.

Die übrigen Texte setzen dem Aufspüren hintergründiger „Botschaften“ (angenommen, es gibt sie) ein regelrechtes verbales Abwehrsystem entgegen. Resultiert daraus das Empfinden, daß Banalität hier nur „mysteriös“ verkauft wird?

Nun hat schon Flaubert gesagt: „Ich bin jetzt in einer ganz anderen Welt, nämlich der der aufmerksamen Beobachtung der banalsten Details.“ Und die Autoren und Theoretiker des Nouveau Roman machten aus der Banalität eine Tugend, ohne sie jedoch zu mystifizieren. E. Y. Meyer verdankt einiges den Theorien Robbe-Grillets und Butors, auch grammatisch. „Die ‚kurzen klaren Sätze‘“, meint Butor, „die uns unsere Lehrer einst empfahlen, reichen nicht mehr aus...“ In Meyers Syntax-Werkstatt scheint dies die Grundformel zu sein. Das Produkt allerdings gerinnt häufig zur fragwürdigen Stilübung. So verschachtelt sich der erste Satz der Erzählung „Hauptgebäude des ehemaligen Klosters St. Katharinenthal“ über 38 Zeilen hinweg – eine Plusquamperfekt-Orgie ohne jeden erkennbaren Sinn. Seite für Seite geht das so: „Obwohl sich schon vorher ungewöhnlich viele Bücher in seinem Besitz befunden gehabt hatten, hatte er bisher...“ Oder: „... der eben erst noch hatte benützt worden sein müssen ...“

Syntax als Geduldspiel oder Originalität um jeden Preis? Jedenfalls wird da noch ein funktionaler erzählerischer Anspruch angemeldet: Der „langsam fortschreitenden Verdüsterung entspricht das hypotaktische, streng durchgeführte Satzgeflecht, durch das sich unversehens einfache Beziehungen in ein Gestrüpp von Abhängigkeiten verwandeln“. Man kann im Gestrüpp eine bizarre Ästhetik entdecken, aber auf die Sprache übertragen läßt sie sich kaum in dieser Form. Man fühlt sich nicht einmal provoziert. Und wenn ich dann noch ein so attraktiver Titel wie „Ein Reisender in Sachen Umsturz“ als Fassade einer blassen Geschichte erweist, ist man dem Nullpunkt der Lustlosigkeit sehr nahe. Ihr Sinn hat sich mir nicht erschlossen. Aber geschult an Tratschke habe ich doch herausgefunden, daß der anonyme „Reisende“ Goethe sein muß. Und das macht den Zustand der Ratlosigkeit etwas erträglicher.