Und im Bacchanal (Choreographie: John Neumeier) führt nicht Frau Venus ihrem Gast eine erotische Supershow vor, sondern erblickt Tannhäuser die in ihm latenten menschlichen Perversionen, Spielchen mit Kindern und Sadomasochismus, platonische und zum Kult entartete Liebe; janusköpfige Totengerippe tauchen auf, die drei Grazien erweisen sich als Hermaphroditen, und ständig ist Tannhäuser in ein System von Bändern eingefangen, die, mehrfach ihre Position wechselnd, sich ihm wie Wände entgegenstellen – und die doch nichts anderes sind als die Saiten seiner Minnesänger-Harfe – dieses Bild ist, neben dem rituellen Einzug der Gäste, das faszinierendste in dem von Jürgen Rose entworfenen Szenarium.

Der Sängerkrieg: Tannhäuser wird zum Rebell gegen die steril gewordene Kunst- und Lebensauffassung. Sein Entschluß, mit den Pilgern nach Rom zu ziehen, ist kein Akt der Buße: Tannhäuser will erfahren, ob eine normenprägende Instanz, die Kirche mit ihrem Papst, in der Lage ist, über ihren Schatten zu springen und einen Menschen zu absolvieren, der objektiv gegen die Normen verstieß, der aber subjektiv ohne Schuld sein muß.

Sein Experiment muß notwendig scheitern an der Starrheit der Institution. Und so ist Tannhäuser, ist auch Elisabeths Existenz sinnlos geworden, die Gesellschaft läßt sie nicht zueinander. Friedrich zeigt das in einer die Realität überpointierenden Weise: Nach ihrem Gebet kriecht Elisabeth wie ein tödlich getroffenes Tier, das sich in seine Höhle schleppt, nach rechts von der Bühne, und während noch Wolfram, die ganze Absurdität demonstrierend, sein Lied an den Abendstern singt, kriecht von links, sich ebenso hinschleppend, Tannhäuser auf die Bühne – wäre er um die Strophe eines Minnesängerliedes früher erschienen, hätte er Elisabeth noch angetroffen.

Götz Friedrich hat Szenen von außerordentlich starker Aussagekraft formen können, wo kleine Schritte, Armhaltungen, plötzliche Bewegungen eine Welt von Empfindungen freilegen. Aber er hat auch – von der Komischen Oper verwöhnt – erfahren müssen, daß realistisches Musiktheater seine Grenzen findet, und zwar ziemlich schnell dort, wo die sängerische Prominenz die intensive Darstellung zurückstellt hinter die stimmliche Faszination und deren musikalischen Ansprüche.

Tannhäuser: Der Engländer Hugh Beresford hat seine Stärken im ersten und dritten Akt. Wenn er im zweiten sich mit "O Fürstin!" neben die am Boden liegende Elisabeth wirft und dabei der Ton sich überschlägt, erreicht er damit allenfalls einen Heiterkeitserfolg. Wenn er später gegen die blutarme Liebesauffassung der Wartburggesellschaft aufbegehrt, scheint dies eher aus Naivität denn aus Überzeugung zu geschehen. Die Romerzählung versöhnt jedoch wieder.

Venus und Elisabeth sind identisch: Gwyneth Jones; Ihre Venus ähnelt ein wenig einer Salome, ihre Elisabeth ist – endlich einmal – ein ganz junges Ding, das sich wahnsinnig auf die Rückkehr eines sie liebenden jungen Mannes freut und das durchaus bereit und in der Lage scheint, die vielen Lebensvorstellungen Tannhäusers zu übernehmen. So hinreißend ihre Pianissimi, so bravourös die Ausbrüche sind – ihr Tonansatz sorgt immer wieder für Unbehagen.

Im Ensemble der Wartburggesellschaft annehmbare Stimmen; der Chor hat auch unter dem neuen Leiter Norbert Baiatsch das gewohnte unübertreffliche Format, im Orchestergraben versieht Erich Leinsdorf den Dienst eines versierten Kapellmeisters.