Von Joachim Schwelien

Washington, im Juli

Wenn die Amerikaner morgen an die Wahlurnen gingen, wäre Präsident Nixon ein haushoher Sieg über. George McGovern und damit seine Wiederwahl in das Weiße Haus auf vier Jahre sicher. Die Umfragen geben Richard Nixon jetzt einen Vorsprung von beinahe zwanzig Prozent vor seinem Widersacher unter der Voraussetzung, daß nur die Republikaner und die Demokraten gegeneinander antreten und der rechtsradikale Gouverneur von Alabama, George Wallace, darauf verzichtet, wie 1968 an der Spitze einer eigenen, unabhängigen Partei zu kandidieren. Doch selbst wenn der immer noch unter den Folgen des Attentats leidende Wallace sich zu einem selbständigen Wahlfeldzug entschlösse und ein halbes Dutzend der fünfzig Bundesstaaten für sich buchen würde, könnte Nixon McGovern noch immer überzeugend schlagen.

Doch gewählt wird nicht morgen, sondern in dreieinhalb Monaten, am 7. November. McGovern hat fast einen Monat mehr Zeit als sein Parteifreund Hubert Humphrey vor vier Jahren, um sich nach vorn zu arbeiten. Auch 1968 führte Nixon in den Umfragen anfänglich mit beinahe ebenso großem Abstand vor Humphrey, aber am Wahltag war dieser Vorsprung auf eine halbe Million Stimmen zusammengeschrumpft. Daher ist es auch in diesem Jahr ratsam, keine voreiligen Prognosen über den Wahlausgang abzugeben.

Nixon hat mehr entscheidende Vorteile auf seiner Seite. Er kann den Wahlkampf von der beherrschenden Kommandohöhe des Weißen Hauses aus führen. Bis auf zwei Ausnahmen waren in diesem Jahrhundert alle Präsidenten, die sich zur Wiederwahl stellten, auch erfolgreich. Die Republikanische Partei steht nahezu geschlossen hinter ihm – anders als in der Vergangenheit ist 1972 kein ernst zu nehmender Widersacher aus dem liberalen oder dem ultrarechten Parteiflügel gegen Richard Nixon aufgestanden. Von Nelson Rockefeller bis Barry Goldwalter werden diesmal alle Republikaner für seine Wiederwahl kämpfen und auch dafür streiten, den Republikanern im Kongreß eine Mehrheit zu verschaffen, über die jetzt noch die Demokraten verfügen. Nixon hat dadurch, daß er gemeinsam mit seinem bisherigen Vizepräsidenten Spiro Agnew in den Wahlkampf ziehen will, einigen konservativen Opponenten, die ihm die Annäherung an das rote China und das Zugeständnis der strategischen Parität an die Sowjetunion verübeln, viel Wind aus den Segeln genommen. Die Kasse der Republikaner für einen kurzen, aber schlagkräftigen Wahlfeldzug – der zwischen 25 und 35 Millionen Dollar kostet –, sind wohlgefüllt mit den Spenden der Großindustrie.

Doch der Präsident hat noch mehr Vorteile auf seiner Seite; Mancher demokratische Altgardist wird, angeführt von dem renegaten und zeitweiliger Finanzminister in Nixons Kabinett, John Connally aus Texas, zu den Republikanern überschwenken. Die große Gewerkschaft der Lastwagenfahrer hat sich wie schon 1960 für Nixon ausgesprochen. Der Vorstand des Gewerkschafts-Dachverbandes AFL-CIO, an der Spitze sein ergrimmter anti-reformistischer Präsident George Meany, will McGovern die Wahlhilfe versagen und im Wahlkampf neutral bleiben. Das kann dem demokratischen Kandidaten viele Millionen an Wahlspenden und Zehntausende an Wahlhelfern kosten, wenn er auch davon überzeugt ist, Einzelgewerkschaften mit einem Mitgliedsbestand von zehn Millionen der insgesamt 13,5 Millionen organisierter Arbeitnehmer auf seiner Seite zu haben. Sogar bei den Erstwählern im Alter zwischen 18 und 24 Jahren führt Richard Nixon in der Gunst jener Gruppe, die kein College besucht – gegen alle Voraussagen, daß McGovern der Favorit aller Jungwähler sei.

Zu alledem hat der Präsident auch noch außenpolitische Erfolge in Moskau, in Peking und im Nahen Osten aufzuweisen. Schließlich hat er mit seinem kräftigen, nationalistischen Auftrumpfen in handels- und währungspolitischen Fragen gegenüber den Verbündeten Amerikas Wirkungen erzielt, die auch von keinem Demokraten angefochten werden.