Von Eberhard Hübner

Nicht allein mit der Unbequemlichkeit der geforderten Selbstreflexion, dem Rühren an Tabus läßt sich das Mißtrauen gegen die Psychose erklären, das ihre Anhänger so gern beklagen. Ein neues Buch belegt die Sprachschwierigkeiten, die die Psychoanalyse hat, sobald sie nicht nur dem Patienten in der Behandlung begegnet oder als anthropologische Theorie rein erscheint, sondern angewendet auf konkrete Fälle sich einem Publikum darstellen will –

„Psycho-Pathographien I“ – Schriftsteller und Psychoanalyse, herausgegeben von Alexander Mitscherlich; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 290 S., 18,– DM.

Es sammelt Aufsätze meist ausländischer Autoren über das Verhältnis von schöpferischer Phantasie zum Unbewußten und enthält vor allem die Krankheitsgeschichten verschiedener Schriftsteller: Thomas Mann, Balzac, Strindberg etwa sind vertreten. Zwangsläufig jedoch verfehlen solche Psychopathographien ihr Ziel: die Fähigkeit zur literarischen Produktion, gar der eines bestimmten Werkes, aus den frühen Erlebnissen des Ödipuskomplexes zu erklären. Den mühevollen und überlangen Prozeß nämlich, in dessen Verlauf dem Patienten allmählich – gegen viele Widerstände – in den konkreten Symptomen deren eigentlicher Inhalt erscheint, müssen die Pathographien verkürzen zu schnellen Analogien zwischen Gegenwärtigem und Vergangenem. So wird etwa Thomas Manns ironisch-distanzierter Stil in Verbindung gebracht mit der unbewältigten Abwehr verbotener sexueller Wünsche in früher Kindheit, und Strindbergs Schöpfung literarischer Gestalten erklärt sich aus einer Art Kastrationskomplex: als Kompensation seiner Eifersucht auf Frauen, auf deren Fähigkeit nämlich, Kinder zu gebären.

Von der Unvermitteltheit solch direkter Zuordnung von Komplexen und biographischen Details zehren alle Witze über Psychoanalyse; gerechtfertigt wäre sie nur, wenn sie sicheren Gesetzen folgen könnte. Den verdrängten Erlebnissen gegenüber haben die Symptome jedoch eine große Beliebigkeit. Mutterbindung und Kastrationskomplex können zu allem möglichen anderen führen als gerade zur Poesie; und wie weit diese der Schlüssel zu psychischen Verwirrungen und gerade zu den jeweils angeführten ist, klärt das Buch nicht.

Aber nicht die Wahrscheinlichkeit der Diagnosen soll hier bestritten werden, sondern ihre Einsichtigkeit. Einsicht in den tiefenpsychologischen Sinn von Verhaltensweisen ist nur möglich, wenn das Denken auch zum Abbau der Affekte führt, die den verdrängten Wünschen den Weg ans Licht verwehren. Dazu führt allein die therapeutische Situation.

So geben die Pathographien ein falsches Bild der Theorie, die sie vertreten. Sie erwecken den Anschein, eine Lebensgeschichte ließe sich auf ein paar Standards aus dem Repertoire des Unbewußten reduzieren, und verhärten damit nur ein Klischee, dem gerade die Psychoanalyse am wenigsten entspricht: das des Systems, über dessen Leisten sich alles schlagen läßt. Die Schnelligkeit der psychoanalytischen Diagnose bedingt die des ästhetischen Urteils. Fast typisch für das Kunstbewußtsein der in diesem Buch versammelten Autoren ist eine Passage aus dem Beitrag von Lawrence S. Kubie: „Ein Taxifahrer sagte zu seinem Fahrgast mit sanfter Stimme: ‚Ich bin immer so gerührt, wenn ich einen Blindenhund seinen Herrn über die Straße führen sehe.‘ Er sah, fühlte und sprach als ein Dichter, und seine Worte hatten etwas von Wirklichkeit, Traum, Lied und Gedicht an sich.“