Düsseldorf

Direkt von Budapest fuhr er nach Bonn ins Kanzleramt, um unter vier Augen mit Willy Brandt die politische Zukunft von Karl Schiller zu besprechen. Nordrhein-Westfalens SPD-Landesvorsitzenden Heinz Kühn schien eines „ganz klar“: Die Partei werde und dürfte Schiller nicht fallenlassen. Und wenn alle Zuständigen und Betroffenen zustimmen, so müsse der Bundes-Superminister a. D. in Nordrhein-Westfalen für den nächsten Bundestag wieder an repräsentativer Stelle kandidieren.

1969 nahm Karl Schiller auf der SPD-Landeswahlliste noch Platz Nummer zwei hinter Willy Brandt ein; diesmal soll er die dritte Position hinter Walter Arendt besetzen, ohne direkt in Dortmund wieder zu kandidieren, wo der Star vor drei Jahren im Wahlkreis 114 mehr als sechzig Prozent der Stimmen für sich und die Sozialdemokraten geholt hatte.

Alles war besprochen, doch als Schiller in Bonn entlassen wurde und ihm seine Dortmunder Genossen vorwarfen, er habe in einer der schwierigsten Phasen seinen Kanzler und Protektor Brandt im Stich gelassen, gab sich der zurückgetretene Superminister verbittert: „Auf mir wird herumgetrampelt, da soll ich auch noch jubeln, wie?“ Selbst prominente SPD-Leute argwöhnten jetzt, Schiller könnte die Partei verlassen, nachdem aus der Barzel-Ecke die Nachricht kam, der Oppositionsführer habe mit ihm unlängst in einem Berliner Hotel gefrühstückt.

Landesvorsitzender Kühn, furchtlos vor einem Kanossagang, fuhr nach kurzer telephonischer Anmeldung zu Schiller in dessen Bonner Privatwohnung: „Ich komme ohne Auftrag, komme auch nicht als Bittsteller, sondern als Landesvorsitzender unserer Partei, lieber Karl.“ Kühn verlangte eine offizielle Loyalitätserklärung ohne Wenn und Aber für die SPD, weil sie ihm zu diesem Zeitpunkt am wichtigsten schien, „nachdem es draußen im Lande zu rumoren beginnt“. Briefe, die er bei sich hatte und in denen es heißt „Schmeißt den Schiller raus!“, ließ der Landesvorsitzende im Koffer, zumal der plötzlich arbeitslos gewordene Superminister bitter über Gott und die Welt klagte. Die Harburger Wehner-Rede kam zur Sprache, jene verletzende Kritik des SPD-Fraktionschefs an Karl Schiller, und am Ende eines neunzig Minuten langen Dialogs stand für Kühn fest, es werde dennoch alles glattgehen.

Der Hausherr war „sehr angetan über Besuch und Gespräch“, gestand jedoch seinem Gast nicht zu, die Kandidatur endgültig bekanntzugeben. Zunächst fuhr er mit Frau Etta ins Tessin, um Ruhe zu finden. Ende Juli, Anfang August sollte man sich noch einmal sehen, um dann erst, in aller Öffentlichkeit, Versöhnung zu feiern.

Hinweise auf CDU-Angebote kommentiert Schiller empört: „Ich heiße doch nicht Erich Mende“, und daß die FDP ihn auch gern auf die Wahlliste setzen würde, läßt ihn kalt. Anders verhält es sich mit Offerten aus Kreisen der Wirtschaft, die anscheinend alles aufbieten, um den zurückgetretenen Minister an eine bestimmte Konzernspitze zu setzen.