Ein Buch, schön zum Anschaun und groß in seiner Informationsfülle, ist hier vorzustellen –

„Das große Puppenbuch“, Text von Manfred Bachmann, Photos und Zeichnungen von Claus Hansmann; Verlag Ernst Wasmuth, Tübingen; 204 S., 58,– DM.

Fast möchte dem Leser der Kopf schwirren, doch ist es Manfred Bachmann, dem Verfasser etlicher Bücher über erzgebirgisches und Berchtesgadener Spielzeug, gelungen, sein mit Bienenfleiß zusammengetragenes Material in eine gewisse Gliederung zu bringen. Als Kette zieht er den historischen Entwicklungsgang auf seinen Webstuhl, mit eingeschobenen Unterbrüchen: „Spiel als Spiegel gesellschaftlicher Wirklichkeit“, „Puppen in Süd- und Südostasien“, „Trachtenpuppen – Botschafter zwischen den Völkern“. Das Weberschiff ist geladen mit technologischen, ethnologischen, ökonomischen und ökologischen, soziologischen und sozialkritischen, psychologischen (leider kaum tiefenpsychologischen) und pädagogischen Einschüssen. Ein marxistischer roter Faden zieht sich hindurch. So wirkt das Ganze ein wenig wie auf scholastische Flaschen gezogen, kleinbürgerlich. Ein paar Prisen attischen Salzes hätten mehr Würze gegeben. Doch alles kann man nicht haben, und die reichlichen Trouvaillen bieten Entschädigung. Auch kann man sich anderwärts schadlos halten: Bachmanns (vielleicht nicht einmal lückenlose) Bibliographie von 145 Titeln besagt, daß nur einer davon aus dem vorigen Jahrhundert, alle übrigen aus dem unsrigen stammen, und von diesen wiederum 108 aus den Jahren zwischen 1950 und 1971! Dabei eine Menge Sammlungs- und Ausstellungskataloge.

Das Buch kommt aus der DDR, Technik und Layout sind von hervorragender Qualität. Die ideologische Linie tritt hinter dem Sachlich-Informativen zurück, über gelegentliche Rösselsprünge kann, wer will, den Kopf schütteln.

An sich soll der Band „nicht ablenken von der liebenswerten Spielzeugpuppe“ ‚ tut es aber doch häufig, zu unserm Gewinn. Er will ferner wirklich geeignete Puppen für das Kind unserer Zeit herausfinden“. Doch Kinderspielpuppen werden von den hier gerittenen Attacken kaum betroffen (Horrorpuppen, Gruselplastiken aus zerstückelten und zerquetschten Puppen, Eva Aepplis „Masken über dem Nichts“ oder die überdimensionalen „Nanas“ der Niki de St. Phalle). Erwünschter wäre gewesen, man hätte dem unsäglichen Walt-Disney-Unwesen die Maske vom Gesicht gerissen, das mit seiner Vulgarität und Ubiquität wie ein Bazillus den Globus verseucht (Rußland nicht ausgenommen) und zudem ein Muster kapitalistischer Praktik ist. Ein Trost, daß die Liebe des Verfassers der Volkskunst gilt und dem, was sich aus ihr, vor allem in Osteuropa, nahtlos entwickelt hat und entwickelt. Gut zu hören, daß im Erzgebirge immer noch Weihnachtsberge und Bergwerke mit ihrer köstlichen Bewegungsmechanik in Gemeinschaftsarbeit gebaut werden und daß die Herstellung des berühmten Spielzeugs weitergeführt und abgewandelt wird (ein wesentlicher Exportartikel, von dem gerne noch mehr zu uns herüberfließen dürfte). Der „Weltverbindlichkeit des Filmniveaus“ (Stephan Hirzel) in der Puppenindustrie wird man nicht leicht etwas anhaben können – den Sprechpuppen mit Transistor oder Tonband, dem 3 km laufenden „Tip-Tap“, den elektronischen Kriech- und Schwimmpuppen, den Puppen mit Fieberthermometer und wechselnder Temperatur, denen mit Sonnenbräunung und Erblassen, solchen, die sich vom Spinat ab- und der Milch zuwenden, den Weinern, Schreiern, Pissern, denen mit Knallküßchen und Aufstoßen, „Barbie“ mit ihrer Riesenausstattung, komplett mit Pille und Puppenpsychoanalytiker – all das brauchen wohl mehr die Erwachsenen für ihre Nerven als die Kinder. Oasen für mit einigem Gewissen suchende Eltern sollte es gleichwohl geben und gibt es auch, das Buch verweist auf nicht wenige.

Was den Wert des Buches verdoppelt, sind die sorgfältigen Zeichnungen und vor allem die exzellenten Photos von Claus Hansmann – die letzteren oftmals phantastischer und zauberischer als die ersteren. Zum Glück geht er auch gelegentlich über die Selbstbeschränkung des Buchprogramms hinaus, zeigt Puppenstuben, -küchen, -läden. Und was dem Text abgeht an Charme und an Schimmer, auch des Unheimlichen, Hoffmanns Doppelbödigem, an erotischem Duft – in den Bildern tritt’s hervor, gibt dem Ganzen Relief und setzt ihm Glanzlichter auf.

Mit Beifall stoßen wir im Buch auf des alten Fröbel Mahnung: „Das Spiel ist reinstes geistiges Erzeugnis des Menschen auf dieser Stufe und zugleich Vorbild und Nachbild des gesamten Menschenlebens“ ‚ und dazu des Musäus reizendes Sprüchlein: „Oft bessert eine Puppe mehr als eine Gouvernante.“ Harro Siegel