Von Karl-Heinz Arndt

Glitzernde See und grünes Land, schwarzbunte glückliche Kühe darauf, braune Fischersegel auf dem Wasser, am blauen Himmel ziehen weiße Wolken drüber hin, am Horizont die Rauchfahne eines Fernweh-Dampfers, vor dem Backsteinhaus im blumenbunten Garten bindet ein blondes Mädchen den Strauß, der auf kühlem Seemannsgrab nie liegen wird, einsam hält der Leuchtturmwärter die Wacht, und wenn sie nicht gestorben sind, dann könnten sie solches naive Bild vom Lande namens Nostalgia malen, draußen an der Kieler Förde.

Und wenn es nicht regnet und wenn Sommer ist, Frühsommer oder Spätsommer am besten, dann wäre sogar etwas Realismus auf der Palette für den Sehnsuchtspinsel. Natürlich, so idyllisch, wie die Malergilde der Grandma Moses es sich vorstellen mag, ist auch die Land-See-Landschaft jenseits der Förde-Enge bei Friedrichsort nie gewesen; aber sie war und ist immer noch eine der schönsten Ecken Deutschlands. An der Küste geht’s kurzweilig zu. Tausendundeinen Schritt landeinwärts gelangt man in Einsamkeit.

Die Gegend, auf dem Ostufer der an der Öffnung zur See sechs Kilometer breiten Außenförde Probstei geheißen, auf dem Westufer Dänischer Wohld, ist entlegen. Nein, sie war’s, Autobahn, Kieler Stadtautobahn-Tangente, Schnellstraße, gut eine Stunde nur dauert es von Hamburg, und man stoppt auf einem der weiten Parkplätze am Nordrande jenes Ortes, der diese Gegend nun vor allem ins Gerede gebracht hat: Schilksee, ein Vorort von Kiel. Zwischen Parkplätzen und Bootsstegen steht das Olympia-Zentrum, die Hochhaus-Bungalow-Hotel-Apartment-Schwimmbad – Bootshallen – Ladenstraße – Yachthafen-Anlage, die Stützpunkt für die olympischen Segelwettfahrten ist. Fragt nicht nach den Millionen ...

Schilksee ist heute ein Synonym für alle Superlative des Segelns. Morgen soll es die Betonburg sein, in deren Bannkreis ein neues Ferien- und Freizeitrevier in allen Geldscheinfarben erblüht. Es stimmt nicht, wie kürzlich im Spiegel abermals zu lesen stand, daß es „ein Torpedo der Marine“ war, der Travemünde gleichsam außer Gefecht setzte, als es sich im Wettstreit mit Kiel um die Ausrichtung der olympischen Regatten bewarb. Gewiß kann die Marine ihre (unabdingbare) Regatta-Hilfestellung in Gewässern, die dem Hoheitsanspruch der DDR nicht so naie liegen wie die Lübecker Bucht, komplikatiorsfreier bieten; aber entscheidend dafür, daß Kiel-Schilksee und eben nicht Lübeck-Travemünde da Münchener Olympia-Dependance an der Küste wurde, war anderes:

Die Bikini-Beach, deren Metropole Travemünde ist, gehört schon lange zu den hochentwickelten Urlaubsgebieten mitsamt der dazugehörigen Ökonomie. Verglichen damit jedoch war die entlegene Gegend an der Außenförde durchaus Entwicklungsland. Wenn schon, dann konnten die Millionen hier besser und zinsträchtiger angelegt werden. So kam Olympia und schüttete ein Füllhorn aus wie Fortuna.

Dem Glockenspiel vom Kieler Rathausturm hat der Volksmund den mittlerweile freilich für keine Großstadt mehr originellen Text „Kiel hat kein Geld, das weiß die Welt“ unterschoben. In der Tat hätte die Stadt in einem Dutzend Jahren nicht erreicht, was jetzt zum Olympiatermin Wirklichkeit wurde, angefangen beim Autobahnanschluß zu Hamburg und nicht aufgehört mit dem Olympiazentrum: Auf beiden Seiten der Förde entstanden neue Liegeplätze für Segelboote. Die Hotellerie erhielt den längst nötigen Bettenbauimpuls. Eine zweite Hochbrücke über den Nordostseekanal bei Holtenau ermöglicht endlich stauungsfreie Fahrt in den Dänischen Wohld und zu Badeorten, die sich ein bißchen vernachlässigten, weil sie vernachlässigt wurden.