Von Ekke Demandt

In der Diskussion über die Renaissance des Marxismus und die damit zusammenhängende Auseinandersetzung an den Hochschulen wird oft übersehen, daß die ganze Bewegung von einem dogmatischen Bedürfnis der intellektuellen Jugend getragen wird: dem Bedürfnis nach geistiger Bindung, nach glaubhaften Werten; denn die Kehrseite der Freiheit ist die Orientierungslosigkeit.

Die Bundesrepublik aber, die sich als ein pluralistisches Gesellschaftssystem versteht, kann sich per definitionem nicht auf einen staatstragenden Werbekanon, ein Dogma festlegen; sie orientiert sich, im Gegensatz zur DDR, nahezu ausschließlich am Bruttosozialprodukt. Sie füllt die Mägen, aber läßt die Köpfe leer. Nach dem Motto „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“ entsteht ein für das System gefährlicher Hunger. Dies um so mehr, als die staatstragenden und wertevermittelnden Institutionen an Glaubwürdigkeit verloren haben, allen voran die Kirchen.

Die Protestanten haben ihre Dogmatik schon weitgehend über Bord geworfen; die Katholiken führen halbherzige Rückzugsgefechte; und die plumpen Anbiederungsversuche sogenannter fortschrittlicher Geistlicher, die mit allerlei Kinkerlitzchen die Jugend in die „heiligen Hallen“ zu locken suchen, wirken lächerlich auf die, die gefesselt werden sollen, und entwürdigend für die, die bisher der Kirche noch die Treue halten.

Wenn sich die Kirche als eine Institution versteht, deren Aufgabe es ist, Werte zu vermitteln, die außerhalb der Zeit liegen, und sich doch gleichzeitig eine Attitüde der Progressivität beilegt, so vergißt sie ganz, daß, wer heute fortschrittlich ist, schon morgen rückschrittlich genannt wird, wenn er nicht, der Mode folgend, seinen Standpunkt permanent revidiert – das aber vertrüge sich schlecht mit dem Anspruch auf Ewigkeit.

Ebenso hat sich der Nationalismus in unseren Breiten überlebt, und der Faschismus hat sich gründlichst disqualifiziert. Selbst die Idee der europäischen Einigung, die vielleicht noch einige Gemüter beflügeln könnte, leidet an permanenter Unterernährung und ermangelt einer geistigen Konzeption.