Robert Lucas: „Frieda von Richthofen – ihr Leben mit D. H. Lawrence.“ Im Frühjahr 1912 suchte ein kränklicher englischer Schullehrer, Sohn eines Kohlenkumpels, den Etymologen Professor Weekley in Nottingham auf mit der Bitte, ihm zu einem Lektorposten an einer deutschen Universität zu verhelfen. Fünf Wochen später ließ die Gattin Weekleys ihren Mann, ihre drei Kinder und ihr Heim im Stich, um mit dem mittellosen Bergmannssohn nach Deutschland zu flüchten und mit ihm ein abenteuerliches Vagantenleben zu führen. Die eigenwillige und schöne Frau, die auf so drastische Weise mit den bürgerlichen Konventionen und Moralbegriffen brach, entstammte einer bekannten deutschen Adelsfamilie. Ihr Mädchenname war Frieda von Richthofen, ihr junger Liebhaber hieß D. H. Lawrence, Er sollte einer der bedeutendsten Schriftsteller unseres Jahrhunderts werden, ein leidenschaftlicher Rebell gegen die viktorianischen Sex-Tabus. In Deutschland wurde er vor allem als der Autor der Romane „Söhne und Liebhaber“ und „Lady Chatterley“ bekannt. Zwei Jahre später konnten sie heiraten. Ihre stürmische Ehe führte Frieda auf die Höhen schöpferischen Zusammenwirkens und durch die Abgründe wilder Konflikte, durch Freundschaften und Feindschaften mit Bertrand Russell, H. G. Wells, Katherine Mansfield, Norman Douglas, Aldous Huxley, Igor Strawinsky, und in ferne Länder: Ceylon, Australien, Mexiko. Nach Lawrences frühem Tod findet sie mit ihrem dritten Gatten in New Mexiko Glück und Frieden. Aber Frieda war – wenn man von ihren gelegentlichen Seitensprüngen absieht – nicht nur die treue Gefährtin Lawrences, sie inspirierte auch einige der wichtigsten Frauengestalten seiner Romane, nicht zuletzt Lady Chatterley: in dieser imaginären Nachformung stand sie im Mittelpunkt der beiden großen Prozesse in New York und London, durch die die Sexualität als legitimes Thema der Literatur anerkannt wurde und die Sex-Revolution unserer Zeit einen entscheidenden Antrieb erhielt. (Kindler Verlag, München; 368 S., Abb., 29,80 DM)