Vor ungefähr einem Monat – kurz bevor die jüngste Währungskrise ausbrach – veröffentlichte einer der führenden New Yorker Wertpapier-Analysten einen fast euphorischen Ausblick auf die Kurschancen in der Wall Street für die zweite Hälfte des Jahres. Schon eine Woche später widerrief er – angesichts der Pfund-Krise – seine Prognose. Vor einigen Tagen nun sagte der gleiche Experte, er sei wieder ermutigt.

Dieser Vorgang kennzeichnet die Situation an den internationalen Börsenplätzen in den vergangenen vier Wochen. Kapitalanleger und Spekulanten schwankten zwischen Furcht vor Einschränkung des internationalen Wertpapiererwerbs und Hoffnung auf starke ausländische Ordereingänge. Inzwischen hat sich die Unruhe wieder gelegt. Man hat sich schnell daran gewöhnt, daß Restriktionen im freien Kapitalverkehr keine Tabus mehr sind.

In New York geht es trotz der Vorschußlorbeeren, die der Wall Street im vergangenen Jahr zugedacht wurden, nicht voran. Anstatt die 1000-Grenze zu erreichen oder darüber hinaus zu klettern, schwankt der Dow Jones lustlos um. 930 Punkte. Die Unternehmensgewinne steigen nicht so rasant, wie noch vor einem halben Jahr angenommen wurde. In Vietnam sind die amerikanischen Absetzbewegungen ins Stocken geraten. Obendrein beginnen die Zinssätze zu steigen. Die Sätze für Drei-Monats-Wechsel kletterten in den letzten Wochen um mehr als 30 Prozent. Fast alle technischen Börsenindikatoren in der Wall Street deuten auf einen Abwärtstrend. Von einer Präsidenten-Wahlhausse ist in diesem Jahr nichts zu merken.

London hat als einziger der europäischen Börsenplätze von den jüngsten Währungsunruhen nachhaltig profitiert. Der Index der Financial Times, der von seinem Höchststand mit 543,6 Punkten Ende April bis Mitte Juni mehr als 50 Punkte einbüßte, steht wieder bei 520 Punkten.

Einen der bewegtesten Monate in ihrer Geschichte hat die Börse in Tokio hinter sich. Mit dem Ausbruch der britischen Pfund-Krise brachen am 24. Juni die japanischen Aktienkurse zusammen. Der japanische Dow Jones verlor an diesem Tag 242 Punkte und am darauffolgenden Montag weitere 51 Punkte. Das war der schärfste Kurssturz, den die Börse von Tokio je erlebt hatte. So schnell wie es nach unten ging, so schnell erholte sich die Börse wieder. Sie erreichte am Anfang dieser Woche mit über 3800 Punkten einen neuen Höchststand. jfr.