Drei Tage lang durfte das Volk von Äthiopien feiern. Drei Tage lang beging es mit Festen auf den Straßen und mit Gottesdiensten in den Kirchen den offiziellen 80. Geburtstag des Mannes, den es als den König der Könige, den Auserwählten Gottes, den Siegreichen Löwen von Juda, die Macht der Dreifaltigkeit verehrt: Haile Selassie I., Kaiser von Äthiopien. Angeblich ist er der direkte Nachkomme des Königs Salomo und der Königin von Saba. Er herrscht schon fast so lange wie Ludwig XIV. Zwar sagt er nicht: "l’état, c’est moi", aber er handelt so. Und er begründet den Anspruch: "Der König weiß, was das Volk braucht, das Volk weiß es nicht."

Freilich dieser Anspruch des absoluten Monarchen, zugleich oberster Gesetzgeber, oberster Richter und oberster Reformer zu sein, wird von manchen seiner Untertanen nicht mehr widerspruchslos hingenommen. Sie meinen, der Kaiser habe für die Bedürfnisse seines Volkes nicht genug getan; noch sei Äthiopien weit vom Eintritt ins zwanzigste Jahrhundert entfernt. Angesichts solcher Kritik hilft der Hinweis wenig, daß in Äthiopien allertiefstes Mittelalter herrschte, als Tafari Makonnen 1928 zum König gekrönt wurde.

Als Tafari Makonnen am 23. Juli 1892 – wahrscheinlich aber schon ein paar Jahre vorher – geboren wurde, stand die dynastische Erbfolge keineswegs fest. Wichtig war, daß man der Kaste der mit dem Kaiserhaus verwandten und verschwägerten Stammesfürsten angehörte, sich zum koptischen Christentum bekannte und das Zeug hatte, sich gegen die anderen Fürsten des Landes, die Rase, durchzusetzen. Tafari kam als 13jähriger an den Hof seines Onkels, des Kaisers Menelik II., nach Addis Abeba. Dort fiel er durch besondere Intelligenz und makelloses Französisch auf. Bald bewies er, daß er das Zeug zum Negusa Nagast hatte. Mit achtzehn wurde er Provinzgouverneur; mit vierundzwanzig – nach der Entmachtung von Meneliks Nachfolger Lidsch Yahsu und der Krönung von Meneliks Tochter Zauditu zur Kaiserin – war er bereits Ras, Palastkommandant und Thronfolger. Als Regent schob er die Kaiserin immer mehr in den Hintergrund und begann, das Land umzukrempeln. Er baute Schulen und Krankenhäuser, schickte junge Äthiopier ins Ausland, holte sich fremde Berater und Entwicklungshelfer, bewirkte 1923 die Aufnahme Äthiopiens in den Völkerbund, schaffte 1924 die Sklaverei ab, ließ sich 1930 nach dem Tode Zauditus zum Kaiser krönen, gab dem Land 1931 nach japanischem Vorbild seine erste geschriebene Verfassung und versuchte mit allen Mitteln der klassischen Reisediplomatie der Welt klarzumachen, daß es da hinter Wüsten und Bergen einen Staat mit fast zweitausendjähriger Geschichte gab, für dessen Entwicklung einzusetzen es sich lohne.

Der Kaiser ist knapp 1,60 Meter groß. Seine Vorliebe für riesige Militärmützen, die ihm bis auf die Ohren hinunterrutschen, und für übergroße Helme mit martialischen Federbüschen, lassen die kleine, dünnbeinige Gestalt noch schmächtiger erscheinen. Nur die Augen in dem scharf geschnittenen hamitischen Gesicht verraten, daß hinter der schwächlichen Fassade ein eiserner Wille lebt, unnachgiebig gegen sich selber, unnachgiebig aber auch gegen jeden, der es wagt, die Autorität des Kaisers anzufechten. Das bekamen jene rebellischen Militärs zu spüren, die er 1960 nach ihrem mißglückten Putsch öffentlich henken ließ; das erfahren heute die aufbegehrenden Studenten der Haile-Selassie-Universität in Addis Abeba, von denen er die Hälfte ins Arbeitslager steckte und ihnen so jeglichen weiteren Aufstieg versperrte. In Äthiopien ist kein Raum für Opposition, auch nicht für konstruktiven Widerspruch. Für Renitente gibt es in den Gefängnissen reichlich Platz.

Dem Staatsoberhaupt steht es zu, Andersdenkenden den rechten Weg zu weisen und sie zu bestrafen, wenn sie gegen die Behörden rebellieren, pflegt der Kaiser zu sagen. Und über die Jugend – "Unsere Kinder" – sagt er: "Es ist Aufgabe der Eltern und der Älteren, ihre Kinder zu führen. Es ist ihre Aufgabe, ihnen zu zeigen, welche Einflüsse gut und welche schlecht sind." Viele Studenten hat er selber zum Lernen ins Ausland geschickt; jetzt wundert er sich, was für umstürzlerische Vorstellungen sie von dort mit nach Hause bringen. "Die Kinder" erkennen an, daß der Kaiser dem Land manche Reform bewirkt hat, doch erscheinen ihnen diese Reformen, zumal im Vergleich zu den sozialistischen Nachbarn, ehemaligen Kolonien, viel zu wenig und viel zu langsam.

In der Tat hat die wirtschaftliche Entwicklung des Landes nur bescheidene Fortschritte gemacht. Obwohl Äthiopien reich ist an fruchtbarer Erde und vermutlich auch an Bodenschätzen, ist es heute einer der ärmsten und rückständigsten Staaten Afrikas. Das Pro-Kopf-Einkommen liegt mit jährlich 200 Mark nur noch hinter Malawi. Neunzig Prozent des Bodens gehören dem Feudal-Adel und dem Kaiser. Die lange geplante Landreform ist bisher am Widerstand der besitzenden Oberschicht gescheitert. Fünfundneunzig Prozent der Bevölkerung können weder lesen noch schreiben, und nur knapp zehn Prozent der Kinder gehen auf Schulen. Das liegt nicht nur daran, daß die in vorvergangenen Traditionen gefangene koptische Kirche Bildungsinitiativen hintertreibt. Es fehlt ganz einfach an Geld, zumal fast dreißig Prozent des ohnehin schmalen Staatsbudgets für die 40 000 Mann starke Berufsarmee, die 29 000 Polizisten, die große Palastgarde, die 1200 Mann Grenzschutz und die drei Geheimdienste draufgehen.

Nächst Nigeria verfügt Äthiopien über die größte und am besten organisierte Truppe in Afrika. Überdies hat sie praktische Kampferfahrung – aus den Kriegen in Korea, im Kongo und mit den Rebellen in der einverleibten Provinz Eritrea. Nach dem Kaiser ist die Armee der bedeutendste Faktor im Staate. Viele Offiziere, die in Amerika ausgebildet worden sind, haben präzise Vorstellungen von einem modernen Äthiopien. Aber seit dem Putsch von 1960 ist ihnen die Lust vergangen, ihre Pläne noch zu Lebzeiten des Kaisers in die Realität umzusetzen.