Von Ernst v. Weizsäcker

Die Küsten verschmutzen, die Wale werden ausgerottet, Tankerwracks, Altöl und Bohrungen im Meer bringen Millionen von Seetieren den Tod. Gleichzeitig werden die Meere zunehmend zum Schauplatz der Großmachtrivalitäten: Raketenbestückte U-Boote werden zum wichtigsten Träger der nuklearen Abschreckungskraft. Und das Wettrennen um die Bodenschätze aus dem Meer ist voll entbrannt.

Pacem in Maribus (Frieden auf den Meeren) heißt eine Serie von internationalen Konferenzen, die von Elisabeth Mann-Borgese, in Kalifornien lebende Tochter von Thomas Mann, ins Leben gerufen wurde, in Voraussicht der ungeheuren Friedensprobleme, die sich heute zur See stellen: Wem nützt die von Hugo Grotius vor 350 Jahren postulierte und 1958 in Genf kodifizierte Freiheit der Meere? Ist der Reichtum der Ozeane für alle Menschen da oder nur für die Küstenstaaten? Welche Macht der Erde soll eine Abrüstung zu Wasser kontrollieren? Und wer erfaßt und bestraft Verschmutzungssünder und Raubbaufischer?

In vielen Fällen ist noch nicht einmal naturwissenschaftlich bekannt, was als Verschmutzung zu gelten hat. Biologische Ökologie, Wirtschaftswissenschaften und Seerecht waren in der Vergangenheit weitgehend isoliert; jetzt sind sie auf einmal gemeinsam gefordert, um zumindest die nicht-kriegerischen Konflikte auf dem Meer zu lösen.

Auf der dritten Pacem-in-Maribus-Konferenz, die unlängst auf Malta stattfand, wurden sechs Projekte diskutiert, an denen in dem seit der zweiten Konferenz abgelaufenen Jahr intensiv gearbeitet worden ist. Mehrbändige Berichte wurden vorgelegt, drei Bände allein über die wirtschaftliche Entwicklung des Mittelmeerraums und ihre Folgen für das Meer selbst. Der erste Beitrag darin von W. W. Murdoch und C. P. Onuf stellt eine ozeanologisch-biologisch-ökonomische Systemanalyse dar, die den Fachvertretern aller Art die Augen für Zusammenhänge öffnet. Ein Beispiel: Der Assuan-Damm hat den jährlichen Nil-Überschwemmungen ein Ende gesetzt; jetzt führt der Nil weniger Nährstoffe ins Meer. Plankton und Fische leiden darunter. Zugleich verdampft aber in Ägypten ein größerer Teil des Nilwassers als früher, und weniger Süßwasser gelangt ins Meer; die oberen Meeresschichten werden dadurch gegenüber früher spezifisch etwas schwerer und machen es wahrscheinlich, daß der winterliche Auftrieb von nährstoffreicherem Tiefseewasser vor der israelischen Küste sich stärker ausprägt, woraus wieder Plankton- und Fischreichtum resultieren würde. Bislang sind die letzteren Effekte noch nicht sicher nachgewiesen, aber die ganzen Zusammenhänge zeigen nachdrücklich, wie leicht man sich mit-ökologischen Zusammenhängen vertun kann.

Die meisten ökologischen Fragen sind konfliktgeladen: Die Ölindustrie braucht das Meer als Wasserstraße. Gibt es ölunfälle, dann leidet die Touristik. Ferner sammeln sich im Öl fettlösliche Giftstoffe aus der Zivilisation in größerem Umfang. Über ölfressende Bakterien gelangen die Gifte in die Nahrungsketten im Meer und in höchster Dichte schließlich in die Speisefische. Würde die Landwirtschaft an Land keine fettlöslichen giftigen Pestizide verwenden, dann wären Tankerunfälle halb so schlimm. (Es bliebe die Gefahr des im Rohöl in merklichen Mengen vorhandenen Quecksilbers, das ebenfalls durch die Nahrungsketten konzentriert wird, sowie die vorübergehende ölgefahr für Seevögel und Strände.)

Ölwirtschaft, Touristik, Fischerei und Landwirtschaft der verschiedenartigen Länder liegen miteinander in einem komplizierten Streit, der sich den militärischen und wirtschaftlichen Rivalitäten der Supermächte und der kleinen Staaten überlagert und den Frieden auf den Meeren zu einem fast noch schwierigeren Unternehmen machen, als es der Landfrieden ist.