Nur eine Zulassungsprüfung zur Universität kann über den Numerus clausus hinweghelfen

Von Nina Grunenberg

Das Sommersemester 1972 ist zu Ende: Das Amen sprach das Bundesverfassungsgericht mit seinem Urteil zum Numerus clausus. Zu beschönigen war die Misere der Universität zwar schon lange nicht mehr; aber das Wort aus Karlsruhe ist dazu angetan, den Blick einmal von den linken Studenten wegzulenken, hin zum Kern des Problems: Reform ist notwendig, aber der Reformansatz muß neu überdacht werden.

Bisher hat hierzulande noch jeder studieren können, der es wollte – wenn auch nicht immer in dem von ihm gewünschten Fach oder an der Universität seiner Wahl. Im Jahre 1971 gab es freilich für 587 000 Studenten in der Bundesrepublik nur 445 560 Studienplätze. Das Ergebnis: Zu viele Studenten drängelten sich in zu kleinen Seminaren und Hörsälen.

In Hamburg beispielsweise waren im abgelaufenen Sommersemester 25 800 Studenten immatrikuliert, obwohl nur für 16 000 Plätze vorhanden sind. Dem Senat blieb nichts anderes übrig, als die Notbremse zu ziehen: Für das Wintersemester wurde der totale Numerus clausus in allen Fächern verhängt. Hamburg ist die erste Universität, die solch drakonische Konsequenzen aus der Überfüllung zog. Doch steht außer Zweifel, daß andere folgen werden.

In dieser Situation verhielten sich die Karlsruher Richter wie König Salomon: Sie betonten einerseits, daß aus dem in Artikel 12 des Grundgesetzes gewährleisteten Recht auf freie Berufswahl ein Recht auf Zulassung zum Hochschulstudium folgt. Der Numerus clausus ist im Prinzip also verfassungswidrig, denn er beschränkt die Berufsfreiheit. Andererseits räumten sie ein: "Dieses Recht ist durch Gesetz einschränkbar." Denn sie konnten die Augen nicht vor der Schwierigkeit verschließen, jedem den individuellen Anspruch auf einen Studienplatz zu sichern.

Den Kompromiß fanden die Richter, indem sie das Recht auf Berufsfreiheit, das hier eine privilegierte Schicht von Abiturienten und Studienanwärtern beansprucht, gegen den für alle geltenden Gleichheitsgrundsatz aufwogen. Der Numerus clausus verstößt, so die Richter, dann nicht gegen die Verfassung, wenn er unter voller Ausnutzung aller Ausbildungskapazitäten angeordnet wird und wenn die Kriterien, nach denen die Studenten aufgenommen oder abgewiesen werden, nicht sturer Beamtenwillkür unterliegen. Eine "überregionale Stelle" soll die Studienplätze gerecht verteilen. Die Richter sagen auch klar, wer die Verantwortung dafür trägt, daß die Misere überwunden wird: "Es wäre in erster Linie Sache des Bundes, hier unter Ausnutzung der ihm gegebenen legislativen und verwaltungsmäßigen Möglichkeiten das Notwendige zu tun."