Von Herbert Rosendorfer

Wie immer ist das Fernsehen schuld. Schon 1960 in Rom hat es keinen einzigen Platz im Olympiastadion gegeben, von dem aus man so gut das Sportstadion hätte beobachten können wie vor dem Fernsehschirm. Melbourne zählt ja nicht, wer fährt schon nach Melbourne, aber in Helsinki 1952 hat man sich um die Karten gerissen, selbst fürs Mittelgewichtheben. Damals gab es auch noch keine Fernsehübertragung. Acht Jahre später – in Rom – wurden nur noch 60 Prozent der Karten verkauft, und seitdem geht es abwärts. Der berufsmäßige Nörgler Benno Zwirnsteiner behauptet, ein Computer habe errechnet, daß insgesamt nur zwei Besucher zu den Olympischen Spielen nach München kämen. Das seien zwei Japaner, die eigentlich 1970 zum Passionsspiel nach Oberammergau wollten und sich verspätet hätten. Also – so schlimm wird es nicht. Aber immerhin erfüllt das Problem: Wie fülle ich ein Olympiastadion mit Zuschauern? die Verantwortlichen mit Sorge.

Zunächst wandte man einen uralten Trick an. Am Tag, als der Olympiakartenverkauf eröffnet wurde, lancierte das Olympische Komitee die Nachricht, daß die Karten schon so gut wie ausverkauft seien. Tatsächlich fiel eine Reihe von verblendeten Schwarzmarktaspiranten darauf herein und kaufte, daß sich die Balken bogen. Es dauerte nicht lang, da wurden die ersten Hamsterer stutzig. Es fiel ihnen auf, daß sie so viele Karten haben konnten, wie sie wollten. Die Kauflust ebbte ab. Die vordersten und schnellsten Hamsterer hielten eher verlegen die Stehplatzbündel für das sicher entnervend spannende Vorfinalrunden-Spiel Marokko–Malaysia (in Ingolstadt) in den Händen. Nun häufen sich die Annoncen in den Zeitungen: „Biete 35 erstklassige Olympiakarten, teilüberdacht, gegen Ferienquartier in ruhiger Höhenlage.“ Die Preise brachen aber zusammen, als trotz der krampfhaften Bemühungen der Veranstalter die Nachricht durchsickerte, daß man für alles immer noch beliebig viele Karten haben kann. Das Gespenst eines gähnend leeren Olympiastadions sitzt drohend an Herrn Daumes Schreibtisch,

Eine Lotterie, in der man Karten gewinnen konnte, war eine Pleite. Für die nicht verkauften Plätze Filmstatisten anzustellen, wäre viel zu kostspielig. Arbeitslose gibt es nicht so viele, Gammler sind zu undiszipliniert und in ihren Interessen sportfern. Sie feuern die Falschen an und schreien womöglich Beifall, wenn einer hinfällt. Eine Idee, die anfangs erwägenswert erschien, hatte ein städtischer Sozialreferent: Die Leute in den Altersheimen langweilen sich doch so schrecklich. Wenn man diese Leute, die ja erfahrungsgemäß alles mit sich geschehen lassen, in das Stadion karrt – was da unten gehüpft und geworfen wird, begreifen sie nicht und schreien also nicht an der falschen Stelle ... Das NOK erhob gegen den Plan Einspruch. Es handle sich um ein Fest der Jugend der Welt, sagt das NOK, und da wolle es keine zahnlückige Krückenarmee auf den Rängen. Auch ein zarter Hinweis des Sozialreferenten auf das Durchschnittsalter im NOK konnte das Diktum nicht ändern, Bleibt also die Bundeswehr ...

Oder das meines Erachtens einzige Mittel, das das Übel an der Wurzel packt. Wie festgestellt, ist ja das Fernsehen an allem schuld, und das kommt daher, daß man den Fernsehleuten immer die besten Plätze gibt. Man sollte folgerichtig die Filmkameras hinter Säulen, hinter dickköpfigen Männern mit großen Hüten und überhaupt auf miserablen Plätzen postieren. Wenn sie. auf dem Bildschirm bei einem Reitturnier eine Stunde lang nur Speckfalten, Säulen, Schnüre und ab und zu mehr zufällig durch die Beine zweier Vordermänner hindurch ein Pferd sehen, dann kommen die Menschen schon wieder ins Stadion.