Die Spekulanten wurden enttäuscht: Seit den Dollarkäufen der USA ist klar, daß es jetzt kein „Floating“ geben wird

Sie sehen es immer wieder zusammenbrechen, das westliche Währungssystem – und am Ende hält es sich doch. Wie schon so oft wurde diesmal die Krise, die vom britischen Pfund ausging, von vielen Kommentatoren als der Stürm gewertet, der das längst brüchig gewordene Gebäude von Bretton Woods endgültig zum Einsturz bringen werde. Aber es steht doch noch, wenn es auch wieder ein paar neue Risse bekommen hat.

Diesmal haben, das war neu und für viele überraschend, die Amerikaner entscheidend zur Beruhigung an den Devisenmärkten beigetragen. Zwar war schon nach der Tagung der Finanzminister der „Zehner-EWG“ in London klargeworden, daß gegenwärtig keine Regierung einen Übergang zu einem wie auch immer gearteten „europäischen Floating“ wünscht. Als dann aber noch die Amerikaner damit begannen, Dollars mit harten Devisen zu kaufen, sahen sich die Spekulanten vollends enttäuscht: Nun gab es keinen Zweifel mehr daran, daß die Verantwortlichen hüben wie drüben entschlossen sind, die im Dezember ausgehandelten neuen Währungsparitäten zu verteidigen.

Der Entschluß der USA, zum erstenmal selbst auf den internationalen Devisenmärkten zu intervenieren, hat gewiß mehr psychologische als materielle Bedeutung. Sehr groß war der Dollarbetrag nicht, den die USA durch Hergabe vor allem von D-Mark aufgekauft haben – die Schätzungen schwanken zwischen 10 und 50 Millionen Dollar. In großem Stil könnten die Amerikaner sowieso nicht intervenieren, weil ihre Devisenreserven relativ bescheiden sind. Gold aber wird Washington gewiß nicht einsetzen, Kredite beim Weltwährungsfonds kaum in Anspruch nehmen wollen.

Dies alles aber ist gar nicht so wichtig. Entscheidend bleibt, daß der neue Finanzminister George Shultz mit der Politik seines Vorgängers gebrochen hat. John Connally hat nie ein Hehl daraus gemacht, daß ihn die weltweite Dollarschwemme nicht interessiert, daß letztlich die Europäer mit allen Währungsproblemen allein fertig werden müßten. Sein Nachfolger hat jetzt die Politik geändert – wohl in der Erkenntnis, daß eine Blockbildung der europäischen Staaten nicht im Interesse der USA liegen kann. Die Dollarkäufe der USA haben zunächst nur Signalwirkung, aber immerhin: Das Signal ist an den Der visenmärkten verstanden worden.

Allerdings ist den USA die Entscheidung, den Dollarkurs zu stützen, auch leichter gefallen als noch vor einigen Monaten. Die Hoffnungen, daß ein Ende des Vietnamkrieges und die Stärkung der Konkurrenzfähigkeit der amerikanischen Industrie zu einer baldigen Besserung der Zahlungsbilanz führen werden, haben sich wesentlich verstärkt. Vor allem die wirtschaftliche Entwicklung verläuft unerwartet günstig: Die Inflationsrate hat sich im zweiten Quartal gegenüber den ersten drei Monaten halbiert, das Sozialprodukt ist von April bis Juni real (also nach Abzug der Preissteigerungen) um 8,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr gewachsen.

Die neue Währungspolitik Washingtons hat die Stimmung innerhalb weniger Tage umschlagen lassen. Nun herrscht wieder Ruhe an den Devisenmärkten, von „immer neuem Dirigismus“ spricht kaum noch jemand, die Börsenkurse steigen.