Von Dietrich Schwanitz

Ich bin zu einer amerikanischen Party eingeladen. Gehüllt in ein abenteuerliches Samtjäckchen, stehe ich auf der Eingangsveranda eines weißen Neuengland-Hauses und drücke zage die Klingel. Von melodischem Läuten herbeigetragen, öffnet mit herzlich-männlicher Geste der Hausherr. Dunst und warmes Willkommen, helle erhitzte Gesichter wenden sich mir zu, ein Glas voll Whisky landet in meiner vage ausgestreckten Hand, Begrüßungsrufe schallen mit entgegen, "Hi, how are you, do you know my wife Melba? This is Professor Soandso of Smith College herzliches Händeschütteln ist geboten bei noch Unbekannten, ansonsten geistesgegenwärtige Freude, die Bekannten wiederzusehen, eine interessierte Frage: Sie haben doch dies aufregende Buch über Wildnis und Zivilisation geschrieben, very interesting indeed; ich hingegen komme aus Deutschland und bin deswegen von Geburt aus interessant. Es herrscht eine amerikanische Professorenparty, Gattinnen und sporadisch fortgeschrittene Semester einbegriffen.

Der Repräsentationsstil von sozialen Führungsschichten, so denke ich, an meinem Whisky nippend, ist eine primäre Quelle für Erkenntnisse über die Leitwerte und Zivilisierungsformen von Gesellschaften. Nun haben allerdings nur in Deutschland die Professoren das höchste Sozialprestige, während in Amerika dem Lehrenden noch etwas der Vergleich des "he who knows does and he who doesn’t know teaches" zur Last geht: Wer was weiß, wird was, wer nichts weiß, wird Lehrer.

Andererseits ist das Prestige des Lehrenden mit dem, der lernt, verknüpft, und da die amerikanische Studentenbewegung in weiten Bereichen der öffentlichen Selbstdarstellung stilprägend gewirkt hat, wird der Sozialstil der Professoren davon nicht unberührt bleiben. Wenn man nun Stellung und Verhaltensstil des amerikanischen Professors vergleicht mit der vom Sozialprestige getragenen Standesrepräsentation deutscher Professoren, so zeigt sich eine eigentümliche Dialektik im Verhältnis zwischen Student und Professor im Bewußtsein der Beteiligten und im öffentlichen Bewußtsein beider Länder.

Inzwischen erscheinen auf meiner Party nach und nach noch weitere zwanzig bis dreißig Gäste. Eine halbe Stunde lang wollen die Begrüßungsschreie nicht verklingen. Mit gleicher Herzlichkeit wiederholt der Hausherr die aufmunternde Frage: "Was möchten Sie trinken? Scotch, Bourbon, Bier...?", bis schließlich alle, in kleine Grüppchen unterteilt, wohlversehen versammelt sind. In allen Gruppen herrscht lebhafter Gedankenaustausch. Stimmlich sind die Damen vernehmbar. Ihre freundliche Zuwendung fließt in ständig wärmendem Strahl wie aus einem Füllhorn. Eine zuweilen exotische Garderobe markiert die kühne Farbenpracht ihrer Persönlichkeit.

Eine junonische Schönheit, in einem schleierartigen Gewand, das sich wie ein Segel an ihr bläht, hat mit jugendlichem Schalk mich ins Auge gefaßt und setzt mit kleinen Sprüngen auf mich zu. Doch ehe sie an mir aufläuft, zieht mich mit freundschaftlichem Armdruck der Direktor der graduate studies beiseite, der gestikulierend die weiten Falten einer Mischung aus Tunika und Bauernkittel ausbreitet. Von ihm werde ich mit Gewalt getrennt durch eine mit lustiger Scheinautorität kommandierenden Mittvierzigerin, die mich an der Hand mit fortreißt, um mich ihrem Gatten vorzustellen. "Honey, das ist der deutsche Professor, von dem ich dir erzählt habe." "Oh yes, Sie sind Herr... Entschuldigung, ich habe Ihren Namen nicht gehört? Oh, ich weiß, erfreut, Sie zu sehen." Handschlag und neugieriges Interesse; bei dieser Gelegenheit wird wieder der Hausname gebraucht, für die meisten anderen, einschließlich meine Chefs, bin ich schon ein handlicher Vorname.