Ein krachender Schlag auf die Schulter, begleitet von dem Ruf "Hey, Bill!", macht mir klar, daß ich verwechselt wurde. Ich stelle mich abermals vor als resident German, bevor ich einen strategischen Rückzug in die Küche antrete, um mir mein Whiskyglas aufzufüllen. Hier halten sich traditionsgemäß die lustigsten Gäste auf. Ein Kenner Miltons hat sich gerade die Jacke abgestreift und versucht mit einer muskulösen Dame, die in eine Art Jurte gekleidet ist, unter dem Jubel der Anwesenden einen Ausdruckstanz. Die Küche ist etwas klein, und beide werden von der Exzentrik unter den Tisch geschleudert. Ein Historiker spricht vom Decline and Fall of a distinguished scholar. Mich haben inzwischen zwei Damen in die Zange genommen, die mich zur Entscheidung darüber anrufen, ob die Deutschen fünfzig oder fünfhundert Sorten Wurst herstellen. Bevor ich zu antworten vermag, dringt ein bärtiger Poetry-Professor auf mich ein und macht mir klar, er habe eine Maschine erfunden, mit der man auf fünfundzwanzig Meilen alles Papier zerstören könnte, was ungeheure Konsequenzen in sich trüge, da man auf diese Weise die gesamte Bürokratie lahmlegen könnte. Ein homerisches Gelächter beschließt seine Ausführungen, und es ist ein deutscher Germanist, der mich nun als erster mit der Kälte teutonischer Strenge und einem knarrenden Akzent anweht, indem er mir mahnend zu verstehen gibt, mein Artikel sei impressionistisch und erfülle den Tatbestand des leichtfertigen Journalismus. Man wisse hierzulande auf solchen bundesdeutschen Größenwahn zu reagieren. Das letzte war auf deutsch gesagt.

Verschüchtert will ich mich auf die Toilette verziehen; die ist jedoch zu meinem Entsetzen durch einen riesigen gelben Kater blockiert, der sich partout nicht von dem gemütlichen, mit flauschigem Frotteestoff überzogenen Deckel vertreiben lassen will. Ich spüle also nur formal, und vorsichtig nach meinem deutschen Kontrahenten spähend, mische ich mich unauffällig in eine seriöse Diskussion, die aus Versehen ausgebrochen ist. Doch ehe die Hitze steigen kann, führt die Hausfrau die beiden löwenhäuptigen Hauptwidersacher zum Büfett.

Die Party ist also in vollem Schwung, Wenn man ihre Gesetze beachtet, wird sie ein voller Erfolg. Dazu gehören vor allem begeistertes Interesse für die Nächsten, scherzhafte Selbstironisierung. Für Herren empfiehlt sich ein leicht jungenhafter Charme, vermischt mit liebenswürdiger Tölpelhaftigkeit. Damen dürfen in allem etwas exaltierter sein, die Stimme muß bei Darstellung von Gefühl möglichst an die obere Grenze getrieben werden, ihnen ist also unvermitteltere mädchenhafte Selbstdarstellung erlaubt, gewürzt von lustigen Erzählungen über ihre Gatten. Unter Freunden wird gern zur Unterhaltung entfernter Stehender eine scheinbar aggressive Auseinandersetzung ausgetragen. Und das alles unter würdigen Professoren und Kennern mittelalterlicher und neuerer Literatur.

Damit verglichen ist die nur im dunklen Anzug vorgenommene Selbstrepräsentation deutscher Professoren eine Trauerfeier und höchstens milde durchwärmt von kollegialer Bonhomie. Der fachliche Standard wird auch bei geselligen Ereignissen oft der Länge nach durchgehalten, und unter diesem Anspruch versteift sich jede soziale Gelenkigkeit.

Nun geht in Deutschland das Prestige der Universitäten im bürgerlichen Bewußtsein mit auf die Haltung der liberalen Professoren während des Vormärz und der 48er Revolution zurück. Als die Göttinger Sieben sich nicht mit der Aufhebung der Verfassung abfinden wollten, bemerkte ihr hannoverscher Landesvater noch: "Schauspieler, Huren und Professoren kann man immer haben." Aber er irrte sich, und die Professorenparlamente der Revolution und vorher zeigten, wie sehr die Universität in den Mittelpunkt der Nation rückte. Heute nun wird in Deutschland die Universität im öffentlichen Bewußtsein nicht mehr nur von Professoren, sondern schon von einer als radikal kritisch angesehen nen Studentenschaft repräsentiert.

In Amerika aber ist die Universität erst in den späten fünfziger und sechziger Jahren ins Zentrum des gesellschaftlichen Bewußtseins gerückt, und zwar zunächst durch den Sputnikschock und danach durch die Studentenbewegung. Hier waren also die Studenten gleich zu Beginn Repräsentanten der Universität. Da nun in Amerika die Konventionen persönlicher und gesellschaftlicher Selbstdarstellung latent auf Jugendlichkeit orientiert sind, fällt es den Professoren im ganzen sehr viel leichter, studentische Haltung, ob nun Protest oder mehr diffuse Emotionalität, in sich nachzubilden und sich anzugleichen. Das befördert natürlich die Kommunikation zwischen beiden Gruppen enorm, verengt aber wahrscheinlich den gemeinsamen Verständigungsraum auf den zum Teil altersspezifischen studentischen Stil. Diese Tendenz wird selbstverständlich auch durch den simplen Umstand gefördert, daß die amerikanischen Professoren im Durchschnitt sehr viel jünger sind als die deutschen, da eben auch der "Mittelbau" zu ihnen zählt.

Nun haben umgekehrt die deutschen Studenten professoralen Stil in einer Hinsicht völlig absorbiert: Sie führen im öffentlichen Auftreten ständig den Nachweis, fachlich und theoretisch dem höchsten Standard genügen zu können. Das erklärt die hypertheoretische Sprache und macht sie für viele Professoren, die das natürlich besser können, so unerträglich.