ARD, Donnerstag, 27. Juli: "Siedlung Eulenkopf", von Horst Eberhard Richter und Manfred Lisson

Bilder und Worte sprachen für sich: Inmitten einer Hügellandschaft tauchte eine graue Zone auf. Der Betrachter am Bildschirm sah sich in den mezzogiorno versetzt: Dort, wo die Straße aufhörte, zwischen Brettern, Beton und baumelnder Wäsche, spielten Scharen von Kindern. Die Berichte der Einwohner hatten den Charakter einer Bestandsaufnahme des Elends: auf die Straße gesetzt; liegen kann man hier nicht; wir sitzen nachts auf der Couch, ich erwarte in vierzehn Tagen ein Kind; Duschen? Es wurde gezeigt, wie Menschen entwürdigt werden; der Film machte deutlich, unter welchen Verhältnissen Kinder aufwachsen müssen, Kinder mit sechs und neun und zwölf Geschwistern, die Badewannen nur vom Fernsehen her kennen.

Die Autoren, Horst Eberhard. Richter und Manfred Lisson, sprachen in eigener Sache: Richter gehört einem Initiativkomitee an, das die Verhältnisse nicht nur wissenschaftlich analysiert, die in der Gießener Siedlung Eulenkopf herrschen, sondern durch die Arbeit vor Ort zumindest bescheidene politische Veränderungen erreicht hat: Wissenschaft, so wurde deutlich, hört hier nicht auf, ihr Mitspracherecht zu betonen, wo die politischen Entscheidungsprozesse beginnen; Wissenschaft begnügt sich nicht damit, Ergebnisse bereitzustellen, mit denen der Politiker dann nach eigenem Belieben umgehen kann: dezisionistisch, wenn es ihm paßt, so daß sich die Intentionen der Wissenschaftler möglicherweise in ihr Gegenteil verkehren können.

Ein Film für Kenner, wieder einmal; ein Film für Sozialpädagogen, die in der Lage sind, das Exemplarische des Falles "Eulenkopf" zu erkennen; Lehrmaterial für Studenten, die zu Recht darauf pochen, daß der Wissenschaftler dort nicht aufgeben dürfe, wo es um die Anwendung seiner Überlegungen geht. Für die anderen aber war es lediglich ein Bericht, der an einem extremen Beispiel aufzeigte, daß es in unserer Zeit zwar manche armen Menschen gibt, doch Gott sei Dank auch Samariter, die ihnen helfen und Abhilfe schaffen.

Die Gründe der Verelendung aber wurden nicht aufgezeigt; die Frage, was es miteinander zu tun hat, daß man hier für Vaginalsprays werben kann und dort den Kindern keine Dusche gibt: Die Frage, wie die Gesellschaft beschaffen ist, in der die Worte arm und ausgesperrt Synonyma sind, tauchte nicht auf. Es fehlte an Gesellschaftstheorie, es fehlte an Information: Was sind das, Obdachlose? Asoziale? Menschen etwa, die – so der Brockhaus – "auf Grund von Mängeln des sittlichen Charakters... vor den Ansprüchen gemeinsamen Lebens versagen und einen hohen Anteil der Hilfsschüler, Gewohnheitsverbrecher und Prostituierten stellen"? (Ein Zitat, das enthüllt, wie zäh das Erbe des Faschismus ist.)

Zahlen sie Miete, die Obdachlosen, in ihrer Siedlung, die offenbar kein Obdach sein soll? (Was aber dann?) Wie sind die Schulverhältnisse? Eine Sonderschule? Wo liegt sie? Wie kommt man dorthin? Was machen die Väter? (Man zeige Statistiken, füge Schaubilder ein, entziehe sich endlich dem Diktat des sogenannten Unterhaltlichen! Volkshochschule? Ja, warum denn nicht, bei solchem Thema!)

Fragen über Fragen: Fragen nach der Gesellschaft (gehören die Asozialen nicht per definitionem dazu, wenn man annimmt, daß die Einzelleben die Gesellschaft zusammensetzen... die Gesellschaft also keine besondere, von den Individuen abhebbare Existenz führen, sich demnach auch nicht, als ganze, von den Asozialen absetzen kann?), Fragen nach den Verhältnissen, unter denen, geschützt durch die "Hast du was, bist du was"-Ideologie und die Doktrin des Sozialdarwinismus (Flicks Todesanzeige: Wer was kann, setzt sich durch und boxt sich nach oben), niemals die einen im Eulenkopf wohnen, sondern stets nur – die andern.